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Alpirsbacher Radmarathon 2004

Alpirsbach, 19. September 7:00 Uhr Alpirsbacher Radmarathon

 

Dritter Sonntag im September, sechs Uhr, sieben Grad. In Alpirsbach tobt der Radlerbär. Das Kurhaus gleicht einem Bienenstock. Einschreiben, Unterlagen abholen, frühstücken, aufwärmen. Gründe gibt es genug, sich in dem Gebäude solange aufzuhalten, bis der bevorstehende Start um 7 Uhr die Teilnehmer wieder in die Kälte hinaustreibt. Wenn es nicht die herbstlichen Temperaturen sind, die auch gut durchblutete Sportlerbeine frösteln lassen, dann die Aussicht auf schwere 230 Schwarzwaldkilometer und 3600 Höhenmeter oder – alternativ - 160 Kilometer bei 1600 Höhenmeter.

Kurz vor sieben gibt der anbrechende Tag den Blick frei auf den wachsenden Bandwurm der Starter - knapp 1500, darunter 940, die mit mir darauf warten, die Zackenkrone des ultraschweren Höhenprofils unter die Pneus zu nehmen und deren Schmuckstücke Kniebis, Hohenhäuser, Kandel und Thurner auf unsere ganz eigene Weise zu goutieren.am Start

Der Startschuss um sieben: im Dreißigsekundentakt lösen sich etwa zwanzig Mann starke Gruppen aus dem Startblock, aber die Spitzengruppe umfasst bald schon deutlich mehr Fahrer. Ein Hin und Her. Die einen stoßen vor, die anderen nehmen Tempo raus, aus Sorge, die Energiedepots vor der Zeit abzufackeln. Es ist phantastisch: sonntägliche Stille, unterbrochen allenfalls von Schaltgeräuschen, farbenprächtige Trikots, die in hohem Tempo über die engen, von dunklen Tannen gesäumten Schwarzwaldstraßen gleiten. Die Beine fühlen sich noch ausgeruht an, suchen die Herausforderung. Eine vielleicht 50 Fahrer große Gruppe wirft sich in erster Front in den Zwieselberg, mitunter mit einem Tempo von über 30 km/h. Mit dem Start ist der klare Sternhimmel einem milchigen Wolkenbrei gewichen, der von Zeit zu Zeit noch einen Blick auf die Morgensonne freigibt. Der erste Schweiß perlt aus Oberrohr, in meiner Jacke ist mir plötzlich viel zu warm. Die Vorhut prescht nach Bad Rippoldsau, nimmt den zweiten Zacken im Sturm, zersplittert. Und doch sind die Gruppen oben, wo ein Windrad dem Westwind trotzt, noch so groß, dass sich die Mühe lohnt, Löcher zuzufahren. Dieser Kampf hat etwas Wildes, Antörndendes. Für einen Moment setzt ein Regenschauer ein, der die Abfahrt erschwert.

Die Auffahrt zum Löcherberg fordert ihr erstes Opfer: quer auf der Straße liegt ein Rad mit Kettenriss – Pech. Der Fahrer spricht aufgeregt in sein Handy. Ich bin das zweite Opfer: meine Regenjacke droht mich zu ersticken – peinlich. Ich muss anhalten, um sie auszuziehen. Die Verbindung zur Spitze ist gekappt.

Die erste Verpflegungsstelle kurz nach Bad Peterstal: ich hatte gehofft, noch auf Reste der Spitzengruppe zu stoßen, aber als ich zum jungfräulich wirkenden Büffet komme, bin ich alleine. Ich warte ein, zwei Minuten, greife mir eine Kleinigkeit aus der riesigen Vielfalt, fahre langsam weiter, darauf vertrauend, dass weitere Fahrer aufschließen.

Nach und nach bildet sich bis zum Anstieg nach Höhenhäuser eine stabile sechsköpfige Gruppe, die ordentlich läuft und einen erfahrenen Kopf dabei hat, der die Weiterfahrt organisiert: zwei Minuten Pause am zweiten Verpflegungsstopp auf der Passhöhe, dann in der Gruppe weiter bis nach Waldkirch, zum Fuß des Kandels. Es läuft wie am Schnürchen, fast ist es so, als käme der Berg zu uns gefahren und nicht wir zu ihm.

In der guten, alten Zeit saßen Männer in unserem Alter sonntags um diese Zeit beim Frühschoppen, um den Gang der Dinge zu kommentieren und dem Körper nach der harten Arbeitswoche Ruhe zu gönnen. In modernen Zeiten fährt eine Gruppe Männer in Stammtischgröße sonntags schweigend die schwere Nordauffahrt des Kandels hoch, um der werktags geschonten Muskulatur die nötige Belastung zu verschaffen. Verkehrte Welt. Immerhin: die Wirkung ist jeweils berauschend.

In Kälte und Nebel, auf 1200 m Höhe, harren wieder zahlreiche Helfer am weitläufigen Verpflegungsstand aus, sparen nicht mit Anerkennung und Zuspruch: der schwierigste Teil ist überstanden. Wieder bin ich etwas ungeduldig, esse so viel, wie mir nötig scheint, und bin erst wieder zufrieden, als wir uns nach drei, vier Minuten zu viert in die nasse Abfahrt begeben.

Ich habe hier Heimspiel und nutze meinen Vorteil, um die Gruppe in den Anstiegen, die nun folgen, zu ziehen. Auch wenn es mir nicht schnell genug geht: um alleine zu fahren, fehlt mir der Mumm. In diesen Höhenlagen regiert heute die Kälte, sieben oder acht Grad übersteigt das Thermometer nicht – aber es bleibt trocken, trotz der vielen Regenwolken, die die Bergspitzen garnieren.

Mit zunehmender Erschöpfung verschwimmen die Begriffe für Raum und Zeit zu einem Einheitsbrei aus Straßen, Wind und Wetter. Es ist, als schleuderte man Kilometer um Kilometer hinter sich, um sie ein für alle Mal aus dem Bewusstsein zu tilgen. Die Erinnerung im Nachhinein gerät zur mühseligen Spurensuche. Weiter, immer weiter... Kurze Verpflegung an der Kalten Herberge, Abfahrt nach Furtwangen, weiter nach Rohrbach, letzte Verpflegung in Peterzell. Der Puls wird hochgehalten, wir wechseln uns ab in der Führung, auch auf der Ebene bewegt sich die Geschwindigkeit meist zwischen 30 und 40 km/h. Das Gelände wird günstig: immer wieder Böen von hinten, immer wieder kurze Abfahrten. In irgendeiner der Wellen merke ich plötzlich, dass sich unsere Gruppe geteilt hat – wir fahren vorne zu zweit weiter, es sind vielleicht noch zwanzig Kilometer. Mein Partner zieht, über seinen Aerolenker gebeugt, ich versuche ihn so gut es geht abzulösen, spüre nun aber mit einem Schlag, wie viel Körner ich in den vergangenen Anstiegen gelassen habe. Meine Depots sind alle, mein Blutzuckerspiegel ist am unteren Anschlag. Er muntert mich auf: die letzten fünf Kilometer gehe es nur noch bergab. Diese Aussicht trägt mich über die nächsten zwei, drei Ortschaften, wie auch immer sie heißen mögen, ich beiße mich an seinem Hinterrad fest – jetzt nicht schwach werden...

Die Abfahrt nach Alpirsbach schwemmt noch verbliebenes Endorphin in die Blutbahn, wir rauschen an einem Kollegen vorbei, die Hauptstraße kommt uns entgegen mit dem Zielbereich, die Einfahrt zur Zielgeraden, das Ende.

Wir passieren die Ziellinie etwa an fünfunddreißigster Position. Ein Helfer streckt mir an der Ziellinie ein Glas Weizenbier entgegen – ein Geschenk des Sponsors. Vielleicht nicht unbedingt das, wonach einem ausgebrannten Körper am dringendsten verlangt, aber es ist ein Vergnügen, damit mit den Weggefährten im Ziel oder denen, die nach und nach eintreffen, anzustoßen. Wenn ich mich recht erinnere, muss es großartig gewesen sein...


Strecke: 

233,7 km

Höhenmeter

3591

Start

7.02 Uhr

Zieleinfahrt

15.08 Uhr

Reine Fahrzeit

7:55:30 h

Schnitt

29,4 km/h

Maximale Steigung

15 %

 

 

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