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Black Forest Ultra

Black Forest Ultra Bike Marathon     Kirchzarten, 19. Juni 2011, 7.30 Uhr


Gerade von der Nummer 1239 hatte ich mir mehr erwartet. Das Ärgerliche daran ist, dass es meine Nummer ist. War da nicht die Rede von einer Zeit unter sechs Stunden? Es sind gerade mal 117 Kilometer. Das müsste eigentlich zu schaffen gewesen sein, andere schaffen es ja auch, und das ohne Heimvorteil.  Der Kenner sieht die Enttäuchung, die der 1239 beim Blick auf die Zeit über dem Zielbogen ins Gesicht geschrieben steht. Vielleicht sieht er sie aber auch nicht bei dem vielen Dreck im Gesicht. Es sind halt kleine Ferkel, die Mountainbiker.

Für alles, was im Südschwarzwald eine Federgabel in Händen halten kann, ist der Kirchzartener Marathon ein Muss. Einmal im Jahr die Zähne fletschen und so richtig die Sau rauslassen. Die Szene fiebert dem Event wochenlang entgegen. Es kommt Leben in die Wälder. Entgegen dem Trend habe ich mich ein Jahrzehnt lang vor dem lokalen Kräftemessen gedrückt. Doch diesmal war ich stark und habe aus einer spontanen Laune heraus am Vorabend noch kurz vor Schluss die Anmeldung ausgefüllt und die Scheine rübergereicht. Als Ausrede zieht das aber nicht.

Immerhin: so steif, wie meine Beine nun über den Rasen staksen, muss man mir wenigstens zugutehalten, dass ich mich verausgabt habe. Den Ultra fährt man ja nicht mal eben so, zumal bei dem Wetter: bis auf vier Grad soll das Thermometer in den Bergen gefallen sein, und das bei Regen. Ein Zuckerschlecken ist es nicht, auch wenn bei solchen Angaben gerne mal übertrieben wird. Vier Grad im Juni? Es habe gegraupelt, sagen die einen, andere meinen, es sei Hagel gewesen, was in Hinterzarten runterging. Im Gegenzug ging der eine oder andere Fluch nach oben. Allerdings hat ja auch niemand gesagt, dass wir's machen müssen; und schon gar nicht sich in der letzen Viertelstunde anmelden, wo die Wetterprognosen eigentlich längst eindeutig gewesen wären. Selbst schuld.

Und nun, da die Kampfhandlungen zuende sind, schaut die 1239 doch etwas verloren ins Leere. Kein Bekannter im Zielbereich. So ist das halt bei den Typen aus der Langstreckenszene: wenn die mal für 100 Kilometer aufs Rad steigen, nimmt sie keiner für voll. Und steht schon gar nicht im Zielbereich, um dort sein Händchen zu rühren wegen so einer Kleinigkeit. Da müsste schon mindestens eine sechs vor den beiden Nullen stehen, damit man sich als Person des näheren Umfelds in den Zielbereich begäbe. Aber dann weiß man wiederum nie so genau, wann denn die Ankunft genau stattfindet - also bleibt man lieber gleich daheim und lässt den armen Hund nach seiner Schlammtour durch den Zielbereich streunen. Aftersteg

Wär ja schön, irgendeiner von den Typen, die am Schauplatz O-Töne sammeln, würde der 1239 nun sein Mikrofon vor den verdreckten Latz knallen und so Fragen stellen wie: War's hart?
Sie würde sich freuen, weil sich doch jemand für die ganze Schinderei interessiert.
Na ja, ging so - überall Matsch eben. Da klebt dir der halbe Schwarzwald an den Flossen fest.
Netter Spruch, sollte ich mir merken.

Ihre Daumen bluten ja...???
Ja, das liegt wohl an der Kälte. Ich hab sie nicht mehr richtig gespürt und schätzungsweise an den Schalthebeln aufgerissen. Weiß nicht genau, ich fahr sonst nie Mountainbike. Ist eigentlich nicht mein Ding. Wenn's so eisig ist wie heute, muss man mit dem rechten Daumen umgreifen, um die Kette vorne aufs größere Blatt zu drücken. Das kenn ich vom Rennrad her so nicht. Vielleicht hab ich mich da etwas doof angestellt.
Könnte ja sein.

Haben Sie mal ans Aufgeben gedacht?
Ans Aufgeben? Wenn ich bei dem Dreckswetter schon aufs Rad steige, dann doch nicht, um nach 50 Kilometern den Bettel hinzuschmeißen.
Starke Worte.

Sind sie denn zufrieden, wie's gelaufen ist?
Zufrieden? Nö, nicht wirklich. Tolle Stimmung an der Strecke, das schon, aber am Ende hatte ich keine Lust mehr. War höchste Zeit, dass der Zielstrich kam.

letzte Abfahrt

Höchste Zeit für unseren Reporter, sich dem nächsten Finisher zuzuwenden. Es werden mehr und mehr. Aber da war natürlich keiner, der irgendetwas von mir wissen wollte. So schiebe ich eben mein Rad stumm dem Ausgang zu, wo halb Kirchzarten in der Sonne beim Bier sitzt, was sie sich als Zuschauer redlich verdient haben. Die wissen nichts von den Wetterkapriolen da oben. Die wissen überhaupt nichts von den Helden, die oben in den Bergen ihre Schlacht geschlagen haben. In Mountainbiker kann man sich nicht reinversetzen. Die sind, wie sie sind. Das macht sie geradezu liebenswürdig.

 

Strecke

117 km

Höhendifferenz

3150 Hm

Schnitt 

19,4 km/h

Gesamtzeit

6:07 h

Platzierung

122 (911)

 

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