Wege mit dem Rad

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Jura-Brevet

ARA Breisgau: 600 Kilometer

Freiburg, 29. Mai 2010, 8.00 Uhr

| Strecke |
Brevets fahren ist die eine Sache. Darüber reden ist eine andere: Einen Tag vor unserem vierten und letzen Brevet des Jahres hatten Urban Hilpert und ich als Organisatoren des Ganzen ein Gespräch in der Redaktion der Badischen Zeitung. Ich gestehe: in der herzlichen Atmosphäre und nach drei erfolgreichen Brevets fiel es leicht, über die Erkenntnisse des Langstreckenfahrens zu schwadronieren: Egal wie müde: treten geht immer, beispielsweise. Das lässt sich bis zum Beweis des Gegenteils leicht behaupten. Es handelt sich, wenn man so will, um ein Glaubensbekenntnis. Als Randonneur befindet man sich insofern auf Augenhöhe mit den Vertretern anderer Weltreligionen.
auf in den Süden
Treten geht immer: dies ließe sich trefflich auf die Fahnen schreiben, wenn wir Randonneure zu unseren Kreuzzügen aufbrechen. Wenn wir, im lockeren Galopp, umringt von alten Haudegen und Neophyten, im zeitweiligen Sonnenlicht durch die Wellen des Sundgaus jagen, durch Landschaften, die nach einem regenreicher Monat, wenn nicht aufgedunsen, so doch etwas übermäßig saftig daherkommen. Die Schlacht, so ist uns vorhergesagt, würde ab Mitternacht zu schlagen sein. Der Gegner: eine Regenfront über dem Jura. vor St. Hippolyte

Ich lasse meine imaginäre Fahne wehen: auf 858 m Meereshöhe am Col de Monvoie, entlang des Tals der Dessoubre. Ich schwinge sie quer durch La Chaux de Fonds, stelle sie neben dem Bahnhof kurz in die Ecke, um Proviant für die Nacht zu kaufen, ehe ich mit Leidenschaft weiterkurble, hoch nach Vue des Alpes, wo sie auf 1283 m im kühlen Wind heftig flattert, während sich unsere kleine Truppe einen schnellen Kaffee genehmigt. im Hochtal von La BrevineWir entern das Hochtal von La Brevine und ziehen bei Gegenwind gen Champagnole. Hier rolle ich die Fahne erst mal ein. Im Abendlicht setzten wir uns bei milden Temperaturen auf die Terrasse der Bar de la Cité, ordern vom benachbarten Pizzabäcker die Grundlage für die Nacht und lassen's uns nochmal richtig gut gehen. Im Film würden an dieser Stelle dumpfe Streicherklänge einsetzen, um die Spannung zu markieren. Entspannung vor der Nacht

Punkt 22 Uhr, als wir uns wieder auf unsere Räder schwingen, sind bereits die ersten Tropfen gefallen. Kaum der Rede wert. So ziehen die Kreuzritter also in die Nacht, fünf Mann. Die Straße runter macht sich die nächste Gruppe startklar. Minuten später rollen wir vereint durch die nächtliche Stille des Jura, zischen durch Salins-les-Bains, so schnell, dass die Gäste vor dem Café am Ortseingang keine Chance haben zu kapieren, was es mit den Front-, Stirn-, und Rücklichtern, die über die Straße geistern, auf sich hat. Dann, am Ortsende ein weiterer heftiger Anstieg. Treten geht immer, zumal bei Kilometer 330.

Schlag 0.00 Uhr setzt richtiger Regen ein, ganz in der Nähe von Bolandoz, wo für mich schon einmal eine Tour einen dramatischen Wendepunkt nahm. Es regnet Bindfäden. Selbstverständlich lassen wir uns nicht beirren, nehmen Welle für Welle, bis Ornans im Tal zu unseren Füßen liegt. Und bald schon wieder hinter uns. Im nächsten Anstieg zerbröselt unsere Mannschaft endgültig. Wir finden uns in unserer alten Fünfergruppe wieder, rollen auf Gonsans zu, der nächsten Kontrolle; fast 400 Kilometer liegen hinter uns, die letzten siebzig im Dauerregen. Das wird schon werden, auch wenn der Dreck im Spritzwasser wie Schmirgelpapier auf den Netzhäuten scheuert. Gonsans, 2 Uhr nachts

Bis Baume-les-Dames ändert sich nichts, außer der Temperatur. Der Regen wird von Kilometer zu Kilometer kälter. Um drei Uhr nachts, in Rougemont bei Kilometer 430, bin ich vom Glauben abgefallen: ich will nur noch runter vom Rad, liegen, die Augen schließen, mich für eine halbe Stunde dem vernichtenden Regen entziehen. Früher hießen Menschen meines Schlages Ketzer und wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein Feuer an dieser Stelle wäre ein Segen. Dennoch: ich reiße mich zusammen und trete weiter. Bis Vesoul will ich durchhalten.

Wenn ich dereinst in die Hölle komme, wird sie nicht heiß sein, sondern kalt - eiskalt und nass. Ich werde nächtens in einem dünnen, orangefarbenen Biwaksack auf dem Steinboden vor einem Geschäftseingang liegen und vor Kälte zittern, zittern, zittern. Die Schaufensterscheiben werden vibrieren. Es werden keine Begleiter um mich herum sein, die nach dreißig Minuten auf die Idee kommen, weiterzufahren, es wird kein Rad um die Ecke stehen, auf dem ich mich wieder warmfahren kann. Ich werde solange zittern, bis ich alle meine Sünden abgebüßt habe. Es muss noch einiges an Sünden zusammenkommen, um in einer solchen Hölle zu landen. Seit Vesoul weiß ich, wie sie sich anfühlt.

Wir verlassen diese Stadt und ihre schlafenden Einwohner um fünf Uhr morgens, es geht glücklicherweise bergan. Hügel können Leben retten. Nun, da mir allmählich wärmer wird, krame ich im Geiste mein regengetränktes Fähnchen wieder vor und schwenke es verschämt im Rückenwind: treten geht immer - und wenn's nur ist, weil man auf der Suche nach einem Café ist, wo man für zwanzig Minuten im Trockenen sein und einen heißen Kaffee schlürfen darf. frische Croissants, neues GlückAb Vesoul zieht sich diese Suche genau siebzig Kilometer hin: bis Rougemont-le-Château am Südende der Vogesen. Der Patron ist mitfühlend, trägt mir am Ende sogar noch meinen Geldbeutel hinterher, den ich auf dem Tisch liegenlassen habe.

Eine Stunde später, nach zehn Stunden Dauerregen, schließt der Himmel seine Schleusen. Genug für diesmal. Sollen die da unten ihre Klamotten noch etwas trocknen können, ehe sie in Freiburg wieder zivilisierte Häuser betreten. Die da unten nehmen's mit Demut und Dankbarkeit und wollen am Ende womöglich wieder keine Minute des Abenteuers missen. Und mindestens einer von ihnen wird die Legende hochhalten: treten geht immer.

Strecke

630 km

Höhendifferenz

6430 Hm

Fahrzeit

23:54 h

Schnitt

26,4 km/h

Gesamtzeit

28:30 h

1  |  2  |  3  |  4  

 

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