Wege mit dem Rad

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Breisgau-Brevet

ARA Breisgau: 200 Kilometer

Fallin' & Flyin'       Freiburg, 9. April 2011, 8.00 Uhr

| Strecke |

Einer der wirklich schönen Filme, die ich in den vergangenen Wintermonaten gesehen habe, ist Crazy Heart: die Geschichte eines abgewrakten Countrysingers auf seiner Endlostour durch die amerikanische Provinz, wo er zwischen zwei Flaschen Whisky vor seinem Publikum ein ewig gleiches Programm erbricht. Die starken Bilder dieser amerikanischen Weiten gehen einem nur schwer aus dem Kopf und die zeitlosen Songs dieses Loosers kaum mehr aus dem Ohr.  Fallin' & Flyin' etwa: Funny, how fallin' feels like flyin' - for a little while. Diese Liedfetzen schwirren bisweilen durch mein Hirn und es sind Liedfetzen, die einen glücklich machen, weil sie ein Gefühl treffen, was man in seltenen Momenten hat: Man stürzt sich in engen Windungen in die Tiefe, hinunter in die Niederungen des Hexenlochs, dieses enge Tal hinter St. Märgen, wo es für die Sonne in dieser Jahreszeit keinen Platz gibt, und es ist wie ein Fliegen. Dieses Tal ist ebenso zeitlos wie die Lieder in Crazy Heart. Die an den Hang geschmiegten Bauernhäuser flitzen schemenhaft vorbei.

Es braucht weder Propeller noch Motor, um zu fliegen. Es reichen diese mit glitzerndem Tau besetzten Abhänge im Einklang mit dieser morgendlichen Kühle des Frühjahrs, das noch alles offen lässt für die Dinge, die da auf uns zukommen werden, und die perfekte Stille, in der sich eine Melodie entfalten kann, die doch nur Platzhalter ist für etwas in uns, das anders keinen Ausdruck findet. Das Glück scheint unendlich und ist im Nu wieder vorüber, wenn es darum geht, die anderen zweirädrigen Flugobjekte vor mir, die ihre Flugbahn noch exakter berechnet haben, einzuholen.

Irgendwann hänge ich wieder dran an dieser Bande von zwölf oder fünfzehn Typen, die sich als die herausgestellt haben, die mit dem Auf und Ab dieser Gegend am besten umzugehen wissen. Rund hundert Teilnehmer sind es insgesamt, und einer nach dem anderen wirft sich nun hinter uns in die Tiefe, während wir hier vorne mit brennenden Lungen mit dem Gegenanstieg kämpfen. Wir rasen auf die erste Kontrolle zu und ich kann es kaum fassen, dass das erste Viertel der Strecke schon vorüber sein soll. Nach zwei oder drei Minuten sitze ich als einer der Ersten wieder auf dem Rad, lasse mich lieber von hinten aufrollen, als nochmals um den Anschluss zu kämpfen.

Dieselbe Gruppe fräst sich ihre Schneise durch die scharfen Anstiege und Abfahrten Freiamts und weiter durch die Ebene, bis zur zweiten Kontrolle in Wyhl. Längst ist mir klar, dass mein Verbleiben in diesem elitären Zirkel nur eine Frage der Zeit ist. Mir bleibt nicht einmal die Gelegenheit, mich vorne in den Wind zu setzen, die Front ist vermauert von denen, deren Fahrwerk nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus Stahl. Diese Unterschiede muss ich wohl akzepieren.

Noch einmal keuche ich diesem Haufen hinterher, als es durch die Weinberge des Kaiserstuhls geht und schaffe es auch in Ihringen wieder, Anschluss zu finden, als die nächste Attacke geritten wird. Mit Fliegen hat das alles nichts mehr zu tun. Es ist ein verzweifeltes Hinterherjagen zwischen der Angst, plötzlich alleine dahinzurollen und der Hoffnung, doch noch einmal zehn oder zwanzig Kilometer in dieser furchtbaren Geborgenheit verweilen zu können. Die Angst siegt.

Wie sich herausstellt, ist sie völlig unbegründet - ganz im Gegenteil. Erst kommt die Besinnung, dann eine allmähliche  Entspannung. Nach und nach weicht die Atemlosigkeit und diese Ohnmacht: ich beginne, mich wieder zu spüren und einen sanften Rückenwind, der mich gen Süden treibt. Als mein Tacho dann plötzlich wieder 35 und mehr Stundenkilometer anzeigt, ahne ich, dass mich ein Engel erfasst hat und mit mir zarte Flugversuche unternimmt. Ich lasse es gerne geschehen. Und ich lerne daraus, dass man wahrscheinlich nie alleine ist. Ein weiterer versprengter Fahrer rollt zielstrebig an mir vorbei. Er kann mich nicht in Versuchung führen. Ich gebe mich ganz zufrieden mit diesem himmlischen Wesen in meinem Rücken, das mich hinführt nach Kandern zur dritten und letzten Kontrolle. Hier übergibt es mich just jenem Fahrer, mit dem ich vergangenes Jahr ebenfalls die letzten Kilometer durchlitten habe. Mein Engel verabschiedet sich und mein neuer Gefährte wartet, bis ich meinen Stempel geholt und mir ein schnelles Cola in den ausgetrockneten Schlund geschüttet habe.

Der Flugapparat meines Begleiters ist in keinem besseren Zustand als mein eigener. Wir trudeln entlang dieser hügeligen, beschwerlichen Startbahn nach Norden, zurück nach Freiburg, unfähig, uns auch nur ein paar Meter in die Lüfte aufzuschwingen. Aber in Wirklichkeit ist es auch gar nicht mehr nötig. Das Ziel liegt vor unseren Augen. Und wenn man weiß, dass es nur noch die wenigen Hügel sind, die man schon hundert Mal gefahren ist, die einen vom letzten Stempel und einem kühlen Weizenbier trennen, wird der verbleibende Rest zum Selbstläufer. Ein nicht ganz schmerzfreier, das will ich gerne eingestehen. Alles hat seinen Preis, auch das Fliegen auf zwei Rädern.

Bad Blake, der abgehalfterte Countrysänger aus dem Film, würde an dieser Stelle des Geschehens zu seiner Gitarre greifen, und dazu die letzten zwei Zeilen des Mittelteils aus Fallin' & Flyin' singen:
If there is such a thing as too much fun
this must be the price you pay
.

Anders als der Filmheld greife ich, nachdem ich im Ziel endlich den Sattel gegen eine solide Bierbank eingetauscht habe, lediglich zum Weizenglas, trinke aufs Ankommen und auf diese ganzen verrückten Typen, die bereits seit bald einer halben Stunde im Ziel herumlümmeln.  Wahrscheinlich gäbe es für jeden von ihnen einen Platz in Crazy Heart. Das Drehbuch müsste allerdings angepasst werden.

 

Strecke:

202 km

Höhendifferenz:

2100 hm

Fahrzeit:

6:56 h

Schnitt:

29,1 km/h

Gesamtzeit

7:08 h

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