Wege mit dem Rad

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Tanz in den Mai

ARA Breisgau: 300 Kilometer

Tanz in den Mai     Freiburg, 30. April 2011, 8.00 Uhr

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die Auffahrt nach NeuenwegFährt der Franzose im Wiegetritt, fährt er en danseuse - was für eine schöne Formulierung! Er klettert nicht - wie die deutsche Sprache vermuten lässt - sich mühsam von einer Seite zur anderen werfend auf die höchsten Gipfel, nein, er tanzt, leichtfüßig, anmutig. Er bricht aus dem stickigen, schummrigen Tanzsaal aus und verschmilzt pirouettenhaft mit der Landschaft. Hier sind sensible Männer am Werk, die die Wünsche ihrer Partnerin von den Augen ablesen können, und keine Haudegen, die zu wenig anderem taugen, als mit der Brachialgewalt ihrer Oberschenkel die Kurbeln ihrer Räder aufs Heftigste zu traktieren. So viel zur Theorie.

oberhalb des MünstertalsEs würde an diesem Samstag genug Berge zum Hochtanzen geben, das steht fest: 3300 Höhenmeter, die nicht immer mit lasziver Sanftmut aufwarten. Und es würde genügend Mitfahrer geben, die ihr Tänzchen wagen: rund hundert Mitbewerber, die um die Gunst einer imaginären Partnerin buhlen.

Vor uns öffnet sich die Tanzfläche: im gleißenden Morgenlicht lädt sie zur Ertüchtigung ein, schon gleich hinter Freiburg; ein sanfter Anstieg, der im Sitzen genossen wird. Nur in kurzen Momenten gehe ich aus dem Sattel. Und wenige Dutzend Kilometer danach, am Haldenhof, finde ich mich - in jener glänzenden Verfassung, mit der die Götter an manchen Tagen einen honorigen Lebenswandel belohnen - in der Spitzengruppe wieder. Die ersten Tanzschritte sind vollbracht: den Lenker kraftvoll gepackt, die Körpermitte nach vorne verlagert. Aufrecht stehe ich zwischen Erde und Himmel. Die Partnerin ist dieses dunkle Asphaltband, dass sich in die Höhe windet. Es ist ein Leichtes. Der Himmel wölbt sich strahlend blau über das Münstertal und - auf der anderen Seite - über die geschwungenen, malerischen Wege entlang der Wasserläufe, die dorthin streben, wo auch wir hinstreben: zum Rhein. die Rheinbrücke bei Bad SäckingenAuch meine Mitstreiter führen offensichtlich einen untadeligen Lebenswandel, sind bestens ausgeruht und eilen kräftigen Schrittes gen Süden nach Bad Säckingen, die natürliche Grenze zur Schweiz und erster Kontrollpunkt. Allein der Gedanke, diese Herren bis zum Bölchen, dem Schweizer Belchen, zu begleiten, lässt mir schwarz vor Augen werden. Einen ernsthaften Versuch, abreißen zu lassen, vereiteln sie mir, indem sie auf mich warten: zu allem Übel sind sie auch noch Kavaliere.

Gute Tänzer haben mit guten Radfahrern die Eleganz gemeinsam, mit der sie sich bewegen: die einen zwischen den Beinen ihrer Partnerin, die anderen als Teil der Szenerie, die sie umgibt. In ihren elfenhaften Bewegungen spiegelt sich die Anmut der sattgrünen Wiesen, der Gehöfte,  der schroffen Kalkfelsen und eines unendlich langen und steilen Sträßchen hoch zum Belchen wieder. Im günstigsten Fall. Bei mir liegt der Fall etwas ungünstiger, nun, da der große Moment gekommen ist, wo man  en danseuse seine Klasse unter Beweis stellen kann. Ich bleibe ihn schuldig: Es ist weniger ein Tanz, den ich vollführe, als ein trauriges Gestolpere. Mit dem vielen Schweiß, der mir in die Augen rinnt, ist es zunehmend die Landschaft, die zu tanzen beginnt. Die Götter haben die Seiten gewechselt. Wie sich die Anmut der anderen ausnimmt, kann ich nicht beurteilen. Sie sind weg. Meine Rettung ist das Oberbölchenhaus.das Team vom Oberbölchenhaus

Das Buffet dort ist perfekt vorbereitet: die Pasta wartet fix und fertig auf die atemlose Schar der Ankommenden, die an dieser Stelle ein gutes Drittel der Strecke in den Beinen haben. Meine Mittänzer von vorhin versammeln sich eben um die Spaghetti-Teller. Ein schöner Moment, aber ein flüchtiger. So flüchtig wie menschliche Bindung als solche. Von der Gaststätte schlängelt sich die Straße nochmals einen Kilometer fast widerwärtig nach oben: in jeder Hinsicht genug, um alle bis dahin geknüpften Bande zu lösen. Was die Stilfrage anbelangt, so ist es gut, dass Radfahren ein Sport für Individualisten ist. Würde ich mit vergleichbarer Eleganz meine Tanzpartnerin umherwuchten, wäre mit dem Schlimmsten zu rechnen.Kontrolle in Souboz

Partnertausch. Mit einer neu gegründeten Zweier-Konstellation geht es in die nächste Runde, vierzig Kilometer bis zur dritten Kontrolle. Wir wechseln uns ab im Wind und ich bemühe mich auf den folgenden fünfundzwanzig Kilometern redlich, wieder Haltung anzunehmen. Die ersten wirklichen Sätze mit meinem neuen Begleiter wechsle ich danach, hinter Moutier, wo die Anstiege hoch nach Souboz zum nächsten Tänzchen verlocken. Ich stelle fest, dass ich mich einmal mehr in angenehmer Gesellschaft befinde. Er ist Schweizer und lässig; wir gehen die Auffahrten zügig, aber besonnen an. Nach sechs Stunden auf dem Rad geht es einzig darum, die Contenance zu wahren. Die dritte Kontrolle, eine - ebenfalls lässige - Tankstelle, wo es außer Benzin und einem Stempel frisches Brunnenwasser gibt, ist der Wendepunkt - ab hier drehen und wirbeln wir wieder Richtung Heimat. durch die RheinebeneWir stoßen zu einem Gutteil der längst enteilt geglaubten Kameraden und schließen die Reihen. Wenn das mal gut geht.

Es geht gut. Auch wenn ich in den folgenden Hügeln ihre soziale Ader bisweilen strapaziere: sie warten. Dafür stemmen wir uns, als die Hügel hinter uns liegen, zu acht in den Gegenwind. Das letzte Aufbäumen, bevor die Musik erstirbt. ein Platten zum AbschlussJeder trägt seinen Teil dazu bei, die anderen aus dem Wind zu nehmen. Eine einfache, aber wirkungsvolle Choreographie: der zweireihige Wechsel vom Wind in den Windschatten. Die Kilometer schmelzen wie Eis im Cocktailglas.

Freiburg erreichen wir vor Einbruch der Dämmerung, zu der Stunde, wo sich die Jugend ausgehfertig macht, um auf ihre Art in den Mai zu tanzen. Meinetwegen kann er kommen.

Strecke:

307 km

Höhendifferenz:

3320 hm

Fahrzeit:

10:59 h

Schnitt:

27,9 km/h

Gesamtzeit

12:03 h

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Video vom Brevet auf youtube

 

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