Wege mit dem Rad

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Jura-Brevet 2009

Audax Freiburg: 600 Kilometer

Freiburg, 5. September 2009, 8.00 Uhr

Ornans ist nicht nicht bekannt für heiße Quellen. Aber wie ich nun meine Trinkflasche am Dorfbrunnen bei der Ortseinfahrt auffülle und einen kräftigen Schluck nehme, kommt es mir wie lauwarm vor. Um uns herum herrschen bescheidene fünf Grad, und meine Kehle ist trocken und rau. Das Wasser in meinen Flaschen ist so kalt, dass ich nur aus Pflichtgefühl von Zeit zu Zeit daran nippe. Die Kirchturmuhr schlägt drei Uhr, einen Willkommensschlag für jeden von unserem Trio. Wie ausgestorben wirkt das pittoreske Städtchen an der Loue so spät in der Nacht.

Einmal die Loue überquert, biegen wir in die Hauptstraße ein, schwenken nach links zu einer längst geschlossenen Pizzeria, dem Treffpunkt. Hinter uns wissen wir eine Vierergruppe, und ich denke, es lohnt nicht der Mühe, den Biwaksack auszupacken, gleich werden sie eintreffen. Gerade so wie ich bin, kauere ich mich auf den Holzboden der Terrasse inmitten der Tische, angestrahlt vom orangefarbenen Licht der französischen Straßenlaternen. Der Mensch nahe seines Rohzustandes. Fast schon weggetreten, höre ich das Geraschel von Aluminium - die anderen beiden hüllen sich also in ihre Notfalldecken. Dann dringen die Stimmen der vier Neuankömmlinge an mein Ohr, noch während ich nun doch meinen Biwaksack ausrolle und samt Schuhe und Überschuhe in die eingelegte Decke krieche. Das Frösteln lässt nach. Keiner der neu Eingetroffenen macht Anstalten, unseren Schlummer zu unterbrechen oder uns zur Weiterfahrt zu animieren. Kurz darauf herrscht wieder Totenstille. Die vier sind weitergefahren. Mir sind noch ein paar herrliche Minuten dieses animalischen Dahindösens vergönnt. Die unruhigen Gedanken fangen an zu kreisen.

aus dem Val du Dessoubre hoch nach MaîcheEin stahlblauer Himmel in Freiburg bei der Abfahrt, nun fast zwanzig Stunden zurück, lässt ahnen, dass uns die letzten großen Momente dieser Saison vergönnt sein würden. Zu zehnt gehen wir vom Campingplatz Hirzberg auf die Strecke des diesjährigen "Jura-Brevets", 600 Kilometer. Flache Rheinebene, welliges Sundgau - hundert Kilometer verfliegen im Nu. Nach meinem Desaster bei den 1200 Kilometern der "Großen Bayern Rundfahrt"würden die Jura-Anstiege eine harte Prüfung für mein leidgeprüftes Knie werden. Auch wenn eine gewisse Hypersensibilität die eine oder andere Unregelmäßigkeit ans Hirn meldet: alles läuft wunderbar. Ein warmer Spätsommertag macht sich über den Gebirgszügen breit.

in den Gorges du DoubsDer Doubs. Wir erleben ihn in allen Variationen: klein, mächtig, sonnenbeschienen, dunkel, eingezwängt zwischen engen Felswänden oder auf weitem Feld. Er schlängelt sich kreuz und quer entlang unseres Weges. Chaux-de-FondsEr ist unser Freund. Wenn wir zu ihm stoßen, geht's bergab, verlassen wir ihn, folgt die Strafe auf dem Fuß: harte Anstiege hoch zum nächsten Kamm. Wir folgen seiner Spur bis La Chaux-de-Fonds mit seinem überbordenden Stadtfest, das die Innenstadt auch für Radfahrer lahmlegt. Wir verlieren ihn auf dem Weg nach Pontarlier aus den Augen, wo wir uns in einem Schnellimbiss die Grundlage für die lange Nacht einverleiben. Wir machen kehrt in Champagnole, ehe wir uns zu weit von ihm entfernen. La Brevine: kälteste Gegend FrankreichsHaben ihn komplett vergessen in Salin-les-Bains, wo wir in einer brodelnden Kneipe, eingezwängt zwischen den Gästen rund um den Tresen, um ein Uhr nachts gefeiert werden wie Wesen von einem anderen Stern. Und endlich legen wir uns ab in Ornans, kaum zwanzig Meter entfernt von der Loue, einem seiner Zuflüsse.Salins-les-Bains, 1 Uhr morgens

Um vier Uhr sitzen wir wieder auf unseren Rädern, die Kälte hat uns wieder. Zwischenzeitlich hat auch das Brunnenwasser vom Ortseingang die Umgebungstemperatur angenommen. Vor uns liegt der nächste zähe Anstieg aus dem Louetal und das Quartett, das schlaflos weitergezogen ist. Die Sache mit den Anstiegen haben wir auf den letzten 360 Kilometern bis zum Abwinken geübt, das geht nun wirklich mit links. Uns was die Gruppe vor uns betrifft: kurz nach fünf Uhr morgens finden wir sie halb sitzend, halb liegend, im halbdunklen Verkaufsraum einer kleinen Dorfbäckerei wieder. Der noch junge Bäcker geht in der angrenzenden Backstube vergnügt seiner Arbeit nach und scheint sich kaum zu wundern über die merkwürdigen Gestalten, die sein Reich belagern.5 Uhr morgens: Rast in der Bäckerei Wir gesellen uns zu ihnen, nicht ohne vorher noch warme Croissants zu verzehren. Der Bäcker kommt irgendwann wieder nach vorn, knipst das Licht an, und wie in einem Insektenhaufen geht mit einem Mal ein aufgeregtes Gekrabbel los. Es geht weiter.

Der kämpferischste Fahrer, der von Beginn an allen Magenproblemen zum Trotz immer wieder aufgeschlossen hat, bleibt an dieser Stelle zurück. Wir warten in Baume-les-Dames noch auf ihn, aber die Kälte der Abfahrt treibt uns bald schon weiter. Er wird nun seine imaginäre rote Rückennummer für die letzten zweihundert Kilometer alleine durch den neuen Tag tragen müssen. Der Sonnenaufgang: erhaben. Aus dem krabbelnden Getier der Backstube sind wieder ansehnliche Menschen geworden, die mit kräftigen Tritten ihrem Ziel zustreben. Nächster und vorletzter Stopp in einer Bäckerei in einem Fünfzig-Seelen-Dorf: diesmal wohlgesittet an sonnenbeschienenen Tischen. Feiertagsstimmung macht sich breit. Morgenstimmung nach VesoulDer Rückweg wird überschaubar, 130 Kilometer. Wie ergeht es dem Einzelkämpfer hinter uns auf seiner ersten echten Langstrecke? Der hält durch, sagen wir, und jeder hofft es und hofft es auch für sich selbst. War es vertretbar, ihn zurückzulassen? Auch wenn Brevets zu fahren immer mit sich bringen kann, dass man sich alleine durchzuschlagen hat: fällt einer dann aus einer gefestigten Gruppe raus, fährt man mit seinem Phantom weiter.

Abends bin ich erleichtert zu hören, dass er seinen ersten Sechshunderter nur um Haaresbreite verfehlt hat. In Breisach, gerade mal 30 Kilometer vor Freiburg, wurden ihm Knieschmerzen zum Verhängnis. Ein starker erster Auftritt.
Abschlussfeier
Ein weiteres Phantom - einer, der fährt, als kenne er nur Rückenwind - hat die Strecke längst schon hinter sich gelassen und ist bereits auf dem Nachhauseweg, als wir anderen auf der Terrasse des Campingplatzes die Spätsommersonne genießen - bei wohltuendem Kaltgetränk. Zweiunddreißig Stunden unserer Lebenszeit haben wir dafür eingesetzt. Man spürt die Muskeln, man spürt die durchwachte Nacht. Die Landschaften haben in Kopf und Körper bleibende Spuren hinterlassen. Nicht eine Sekunde der vielen Stunden im Sattel war vergeudete Zeit. Das bestätigt mir auch mein Knie. Ihm gilt ein ganz besonderer Dank für die feine Mitarbeit.

Strecke

611km

Höhendifferenz

5600 m

Fahrzeit

25:45 h

Schnitt

23,7 km/h

Gesamtzeit

32:30 h

 

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