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Le Mille du Sud 2014

Le Mille du Sud    Carcès, 3. September 2014, 8 Uhr

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Der Mille du Sud, zum vierten Male. Und wie jedes Mal ist es sinnlos, gegen die Faszination dieses Brevets anzukämpfen. Gekämpft wird woanders: im Nahen Osten oder in der Ukraine beispielsweise. Ich hisse vom ersten Moment an die weiße Fahne und fülle bereits im Januar meine Anmeldung aus. Hin und wieder befällt mich dann ein fiebriges Gefühl bei der Aussicht auf die milden Spätsommertage im Süden und wenn ich in diesen Phasen in den Keller komme, scheint mir mein Rad, wie es da am Haken hängt, wie ein Spießgeselle, der nur darauf wartet, mit mir durchzubrennen. Wir müssen stark sein und uns in Geduld üben. Und wir üben: monatelang, wochenlang. Selbst die letzten Stunden im TGV sind nicht die leichtesten. Doch dann ist der Moment gekommen: die Waggontüren öffnen sich, und wir atmen die warme Luft des Südens.

die Vorfreude spiegelt sich in den Gesichtern...

Eines ist gewiss: es wird wieder traumhaft werden. Die Vorfreude spiegelt sich in den Gesichtern der künftigen Mitfahrer, als wir uns am Vortag, wie üblich, im Café du Centre treffen. Sie spiegelt sich im satten Laub der Platanen, im Blitzen der an die Hauswände gelehnten Räder, in jedem Glas Rosé, Bier, oder Pastis, das auf unseren Tischen rumsteht. Wir werden wieder in Hochform antreten, mit unseren Rädern mitten in die Sonne des Südens hineinbrettern, bis uns das Glück aufsaugt, uns durch die Provence wirbelt und nach drei Tagen wieder in Carcès aus der Glücksmaschine entlässt. Stempel für Stempel werden wir, wenn es morgen früh um acht Uhr endlich soweit ist, den Kurs in rauschender Fahrt hinter uns bringen und bei jedem Stempel in die Brevetkarte wird unser Herz einen Freudensprung machen.

Man weiß: wenn die Tour vorüber ist, ist auch der Sommer vorbei - wieder einer weniger. Vor dem inneren Auge ziehen Armeen von verwesenden Blättern übers Land, die die Abfahrten gefährlich werden lassen. Überkäme mich mit dem Näherrücken des Mille du Sud nicht dieses betörende Gefühl, man könnte noch vor dem Herbst melancholisch werden angesichts von so viel Vergänglichkeit und Tod. Noch ist der Lebenshunger intakt und die Erwartungen wieder übermächtig. Alles wird sich zum Besten fügen. Die Gespräche mit den Mitfahrern vertreiben die Aufregung am Start, die meinen Puls schneller gehen lässt. Dann fliegen wir hinein, mitten in die provençalischen Landschaften, und fallen dem Spätsommer in die weit ausgestreckten Arme. La Baume-de-Transit, Pause

Die Provence ist aufs Feinste verwoben mit unserem Atem, dem flinken Kreisen unserer Beine, dem ungestümen Tempo, das für wechselnde Farben sorgt und neue Schatten entstehen lässt und das mir den Schweiß auf die Stirn treibt, der im gleichen Moment schon wieder verdampft und in den blauen Himmel aufsteigt, bis er vom Wind in Richtung des Meeres getragen wird. Das Flirren der Speichen leuchtet wie Gold in der Sonne.

Das Lubéron und das Vaucluse bleiben hinter uns, die steile Nordflanke des Mont Ventoux rückt von links ins Gesichtsfeld. Mein stählernes Gefährt rollt und rollt und trägt mich durch den Gegenwind weiter nach Nordwesten, vorbei an Vaison-la-Romaine, das wir nur streifen. Lavendelfelder und Eichenwälder. Baume-le-Transit. Ein Cola und ein Sandwich in der Bar, wo wir den zweiten Stempel erbitten. Crest am Abend bei Kilometer 275, Pizza. Geduldig und genügsam stehen uns die Räder zur Seite, sehen stumm mit an, wie man uns am liebsten wieder von der Terrasse verjagen würde, anstatt uns zu verköstigen. Wären sie Hunde, würden sie knurren, bellen und betteln und das Bein heben, um das Revier zu kennzeichnen: ordinäres Treiben. Mir scheint, zwischen mir und meinem Rad herrscht eine Art Seelenverwandschaft. ...weiter geht'sZusammen mit einem halben Dutzend anderer aus der europäischen Nachbarschaft ziehen unsere beiden Seelen alsbald friedlich weiter, das Abendmahl anverdauend. Und mit den ersten Kurbelschwüngen in der sanft gewellten Vorbergzone östlich des Rhône kommt die leise Ahnung auf, dass es nicht wieder so leicht würde wie an diesem Tag, trotz des Gegenwindes. Auch wenn schon über dreitausend Höhenmeter hinter uns liegen: die Berge kommen erst noch. In diesem Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses Unterfangen wirklich zu meistern ist. 

Pont-en-Royan. Kurz bevor die letzte Kneipe dicht macht, mischen wir uns zwischen die späten Gäste. Die Stimmung ist ausgelassen, der Wirt lässt es sich nicht nehmen, von seinem alten, grünen Colnago zu erzählen, einem Rennrad, das er in seiner Jugend besessen hat. Die Zuneigung war nicht von Dauer, aber ich meine, in seiner Stimme etwas Liebevolles zu hören. Ein Krumen von unserem Glück fällt bestimmt auch für ihn ab - vielleicht ist es aber auch andersherum.

Mit dem Fortschreiten der Nacht lässt der Lebenshunger nach. Wenn erst einmal Mitternacht durch ist, fängt man sogar an, mit den Leuten zu sympathisieren, die uns für durchgeknallt halten. Aber für ein paar hundert Höhenmeter reicht es allemal noch. Dann bekunde ich meinen unerschütterlichen Willen, trotz der Kälte hier und sofort meinen Schlafsack auszurollen. Der Engländer und der Kroate, meine Begleiter der letzten Stunden, wollen ihren Weg fortsetzen. Die Temperatur zwischen Saint-Julien-en-Vercors und dem Col de Rousset ist bis auf drei Grad gesunken. Ich bin froh über jedes Kleidungsstück, das sich aus meinem schmalen Gepäck hervorzerren lässt, aber spitze Kieselsteine unter meinem Nachtlager reißen mich bei jeder Bewegung aus der Versenkung. Nach zweieinhalb Stunden gebe ich auf und fahre weiter. Im Licht des Scheinwerfers kreuzt ein Wolf meinen Weg - er bleibt zunächst seelenruhig stehen, ehe er bei meinem Näherkommen etwas unschlüssig davontrottet. Ich bin ganz angetan vom friedvollen Miteinander auf der Straße. Mein Rad hält brav die Spur.

die provençalischen AlpenIch kann mir alles Mögliche vorstellen: dass man nach 200 Kilometern den Bettel hinschmeißt, die Berge hochschiebt, ins Hotel geht - aber nicht, das Prinzip der Autonomie zu missachten. Immer wieder kommt ein roter Kleinbus ins Gerede und verschiedene Mitfahrer wollen gesehen haben, dass er in Diensten eines Teilnehmers stehe. In einer Geheimkontrolle irgendwo im Niemandsland des Vercors steht Sophie, die Organisatorin, mit ihrem kleinen Wohnmobil bereit, den übernächtigten Fahrern heißen Kaffee, Suppe und Gebäck zu reichen. Auf Isomatten, in einen warmen Schlafsack gehüllt, liegt der Engländer im Gras. Zehn Minuten wollte er sich nur ablegen, nun sind zwei Stunden daraus geworden. Aus der Dunkelheit kommt der rote Bus in den Schein der Geheimkontrolle gerollt. Der Fahrer in seinem Schlepptau kennt die Regeln. Du kannst deine Karte gleich hier lassen, teilt Sophie ihm in knappen Worten mit, als sie die Stempelkarte des Delinquenten entgegennimmt. Traurigkeit mischt sich unter die Kälte - die wohl erste Disqualifikation in der fünfjährigen Geschichte des Mille du Sud.

Auch am zweiten Tag spielen die flirrenden Räder mit dem Licht des Südens, nur die Beine sind nicht mehr ganz so willig. Sie haben heute viel zu erledigen: den Col de Grimone im Morgenlicht, den Col de la Croix-Haute, den Col de Festre am frühen Nachmittag. Die großen Pässe sind zum Warmfahren. Dann kommen die kleinen dran, jenseits der Durance. Es sind Wadenbeißer, aber wir beschimpfen sie nicht, sondern machen mit den Rädern unser Tänzchen, hoffend auf großartige Ausblicke über die zartblauen Bergketten, die sich rund um uns herum im Dunst verlieren.

der Col de SagnesDie Abstände von einer Pause zur anderen verkürzen sich zusehends. Jeder Brunnen am Wegesrand dient als Anlass für einen Stopp, man hält den Kopf unters laufende Wasser oder taucht ihn gleich ins Becken. An solchen Stellen treffe ich von Zeit zu Zeit auf andere Abenteurer. Vor der sechsten Kontrolle, einem Hotel in Turriers bei Kilometer 589, spüre ich in meinen Waden einen deutlichen Hauch von Vergänglichkeit beim Anblick der Felswand, die sich uns am Col des Sagnes fast senkrecht in den Weg stellt. Außer einem Stempel für die Brevetkarte sind ein Teller Spaghetti und ein Glas Rosé die ideale Ration für den verbleibenden Lebenshunger, bevor die zweite Nacht über uns hereinbricht. Turriers, Kontrolle Nr. 6Ein paar Randonneure beziehen ihr Zimmer im Hotel, um sich für den Rest der Strecke den nötigen Schlaf zu holen. Der Engländer und ein Schwarzwälder fahren zusammen mit mir weiter.

Der Col de la Cayolle ist ein stummer Gigant im Sternenlicht. Selbst wenn irgendwo die Lichter der Mitfahrer durch die Nacht flackern, ist man mit seinem lautlosen Fahrzeug allein auf sich gestellt unter dem felsgesäumten Himmel, der hier so klar ist, wie kaum woanders. Kühle Luft strömt in die Lungen. Es ist nachts um drei, wir haben zwei Stunden geschlafen in der letzten Kontrolle im Rathaus von Uvernet-Fours. Wie von einem geheimen Kommando aus dem Universum getrieben, winde ich mich himmelwärts, berausche mich an den Mühen des Aufstiegs. Nach zweieinhalb Stunden sind wir oben. Die langen Handschuhe, die ich zwischenzeitlich ausgezogen hatte, leisten nun unverzichtbare Dienste. Im Umfeld des Gefrierpunkts verwandelt sich die nächtliche Abfahrt von der Passhöhe zum arktischen Inferno. Die Kälte entzieht alle verbleibende Energie, die Müdigkeit kommt mit ganzer Macht zurück, während ich mich zähneklappernd von Serpentine zu Serpentine in die Tiefe bremse. Rechtzeitig vor dem nächsten Pass, in Guillaume, werden bei unserer Durchfahrt im ersten Café die Rollos hochgezogen. Geduldig steht mein Rad vor der Tür, während ich Kaffee um Kaffee bestelle.

im MercantourValberg, Col de Sainte-Anne, Col da Couillole, Col Saint Martin - auf der Königsetappe am dritten Tag macht sich ein wohliger Fatalismus breit. Am rastlosen Auf und Ab ist ebenso wenig zu ändern wie am herrschenden Irrsinn in der Welt: zweieinhalb Tausend Kilometer östlich von hier haben Panzer an der russisch-ukrainischen Grenze Stellung bezogen. Man muss den tiefen Frieden, der unserem Tun zugrunde liegt, zu schätzen wissen.

Die meiste Zeit pedaliere ich wieder alleine vor mich hin, allmählich gleichgültig gegenüber der Frage, wieviel Hunderttausend Kurbelumdrehungen es noch braucht, um in der kommenden Nacht mit steifen Beinen in Carcès vom Rad zu steigen. Die Anstiege, die nie abzureißen scheinen, nimmt man kaum noch zur Kenntnis. Der passionierte Radfaher hat übrigens kein erotisches Verhältnis zu seinem Vehikel. Dass wir an intimer Stelle Kontakt mit dem Rad haben, macht die Sache nicht leichter. Im Gegenteil: nach jeder Phase im Wiegetritt verwandelt sich mein Sattel in eine glühende Herdplatte; ich nutze alle Pausen, um großflächig eine neue Schicht Creme aufs Gesäß aufzutragen. Aufhören? Nicht einmal der Gedanke daran kommt auf. Der Mille du Sud ist über die Tage zum ausschließlichen Lebensinhalt geworden - das geschlängelte Asphaltband vor mir der einzig gangbare Weg, die immer wieder wechselnde Vegetation die einzig mögliche Kulisse, das Rad der einzig denkbare Begleiter. Vom Lebenshunger jedoch ist nicht mehr viel übriggeblieben. Allenfalls für einen kleinen Nachschlag ist noch Platz, als die lang ersehnte Abfahrt nach Castellane kommt.

den letzten Lebenshunger gestillt: CastellaneLeere Pizzateller, Weingläser und Espressotassen bleiben auf dem Tisch zurück, als wir zu viert die letzten einhundert Kilometer in Angriff nehmen, zusammen mit dem Franzosen, den wir am Stadtrand aufgelesen haben. Er kann es kaum erwarten, anzukommen, stürmt in den Schluchten des Verdon nach vorn. Der Blick über den im Mondlicht glänzenden, tief unter uns liegenden See von Sainte-Croix ruft noch einmal die ganze Pracht der Bilder aus den vergangenen drei Tagen wach. Und nun, da das Ende in greifbare Nähe rückt, stellt sich wieder die Leichtigkeit der letzten Sommertage ein. Eine Leichtigkeit, die jäh unterbrochen wird, als eines der vielen Wildschweine in dieser Gegend wie aus dem Nichts auftaucht und blitzartig das Vorderrad unseres französischen Begleiters wegreißt. Direkt vor mir geht er zu Boden und mit ihm 950 Kilometer und unendlich viele Anstiege. Er versichert uns mehrfach, es alleine zu schaffen. Bitte keinen Krankenwagen! Sein Rad hat kaum Schaden genommen. Nach wenigen Minuten haben wir seinen Scheinwerfer aus den Augen verloren. Wir kehren zurück zu ihm: er hält sich aufrecht. Uns bleibt nichts zu tun, als ihn sich selbst und seinem mühseligen Heimweg zu überlassen. 

Beim Weiterfahren sehe ich Gespenster, die von beiden Seiten in den Lichtkegel meiner Lampe huschen und sich dann wieder auflösen. Solche Einblendungen kommen in der dritten Nacht leider immer wieder vor. Es wird höchste Zeit, anzukommen. Um drei Uhr früh, nach siebenundsechzig Stunden, klicken meine Füße ein letztes Mal aus den Pedalen und betreten den festen Boden von Carcès. Meine Beine taugen kaum mehr, um die Treppenstufen der Mehrzweckhalle zu erklimmen. In diesem Moment beginnt der Herbst. Durchatmen. Ein Glas Rosé. Schließlich, widerwillig, der Abschied vom Gewesenen: der Schlaf, der nun folgt, ist unendlich tief und traumlos.

Ich kann mir ein Leben nach dem Tod nicht vorstellen, ob mit oder ohne Rad. Tot ist tot. Der Gedanke an das Unvermeidliche fällt mir etwas leichter, seit ich im Besitz einer kleinen handgefertigten Keramik bin, die ich als Souvenir vom Mille du Sud mitgebracht habe. Darauf abgebildet ist eine etwas verträumte Figur mit geschlossen Augen und einem glücklichen, in sich ruhenden Lächeln auf einem ziemlich lang gestreckten Fahrrad, das magisch angezogen wird von den beiden Namen auf den Wegweisern: CARCES und 1000 DU SUD. Geschwindigkeit spielt keine Rolle, die Zeit existiert nicht. Die Räder sehen aus, wie zwei goldene Sonnen. Ich werde anregen, dass diese Keramik in meine Grabplatte eingelassen wird. Sollte ich Spuren hinterlassen, die die zu erwartenden Weltuntergänge überdauern, dann am liebsten in dieser Form - auch wenn mir bis dahin das Lachen längst vergangen sein dürfte.

 

Strecke:

1008 km

Höhendifferenz:

16 000 hm

Fahrzeit:

48:20 h

Schnitt:

20,8 km/h

Gesamtzeit:

66:55 h

 

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