Wege mit dem Rad

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Brest-Paris

Paris-Brest-Paris: 1200 Kilometer

Brest, 20.-22. August 2003, 3.30 Uhr

Nach gut vier Stunden oberflächlichem Schlaf spüre ich wie ich an der Schulter gerüttelt werde: 3.30 Uhr Zeit zum Aufstehen. Ich habe Kopfschmerzen. Das Sodbrennen, das mich gestern geplagt hat - verursacht von der Fruchtsäure der Riegel und des Energietrunks, vom Koffein, vielleicht auch vom Stress und dem Schlafmangel - hat dazu geführt, dass ich auf den letzten Etappe über 85 Kilometer keinen Schluck trinken konnte ohne Brechreiz, so dass ich heute morgen komplett dehydriert bin. Dennoch trinke ich wieder Kaffee - wie sonst soll ich meinem Körper Leben einhauchen?Carhaix, Mittwoch 7.45: ein Schlachtfeld

Der Organisationsaufwand an den neun Kontrollstellen ist immens: über dreihundertfünfzig Freiwillige regeln jeweils dieses ständige Kommen und Gehen, sorgen für Nahrung und Flüssigkeit, für Schlafgelegenheiten und Weckdienst, medizinische und technische Betreuung, für Aufmunterung. 

Es ist zehn nach vier, als wir wieder im Sattel sitzen, drei Mann, Theo, der Engländer, Axel und ich. Max mit seiner Truppe ist vor uns gestartet, das heißt gleich von Beginn an Tempo machen, um zu ihm aufzufahren. Nach einer Stunde sind wir wieder vereint. Und während unsere Gruppe aus Bretonen, dem Engländer und uns zwei Deutschen noch in der Dunkelheit erneut den Roc Trévézel erklimmt, kommen uns, wie Glühwürmchen, Scharen von Fahrern entgegen, die entweder früh in Carhaix, unserem nächsten Kontrollpunkt, gestartet oder auch die zweite Nacht durchgefahren sind. Am Berg fühle ich zum ersten Mal etwas von meiner alten Stärke. Schon früh morgens stehen Menschen an den schmalen, verkehrsarmen Straßen, applaudieren, bieten Wasser, Kaffee, Kuchen, Crêpes oder gar Matratzen an - Paris-Brest-Paris ist auch ein Volksfest, das sich quer durch die Bretagne zieht. Wir fahren den gleichen Weg zurück und doch kenne ich keine Straße, kein Dorf, keine Landschaft wieder: zu sehr verengt sich der Blick auf den Rücken des Vordermanns, auf das endlose Asphaltband; lediglich die Kontroll- und Verpflegungsstellen wecken eine wohlige Vertrautheit. Es ist heiß an diesem zweiten Tag, der Schweiß durchtränkt Trikot und Hose; erste Beschwerden am Gesäß machen sich bemerkbar. Auch heute wird schwer gearbeitet in den Gruppen, die sich inDie Bretonen in voller Fahrt einem fort neu formieren: die zahllosen Anstiege fordern ihre Opfer, immer wieder fallen Fahrer nach hinten durch, neue Fahrer werden dem Peloton einverleibt. Die Leidensgemeinschaft ist eine höchst fragile: wer wegen einer Panne oder eines menschlichen Bedürfnisses vom Rad steigen muss, wird gnadenlos zurückgelassen. Zwischen den Kontrollstellen setzen die, die auf Zeit fahren, keinen Fuß auf den Boden.

Während wir uns bei Kilometer 830 bewegen, kurz vor Tinténiac, sprinten die Ersten in Paris mit neuer Bestzeit durchs Ziel: 42 Stunden, 40 Minuten. Für uns ist Paris noch eine Ewigkeit weg, stets ist es der nächste Berg, das nächste Städtchen, die nächste Kontrolle, worauf sich alles im Kopf konzentriert. Die Aussicht, sich für fünf Minuten ausstrecken zu können, hält den Motor am Laufen. In Tinténiac ist es soweit: ich bin komplett am Ende, will nur schlafen. Nach einem verspäteten Mittagessen lasse ich die Gruppe ziehen, nütze die Zeit, mein Rad in die Reparatur zu bringen - ein Bremsschalthebel klemmt - und lege mich für 45 Minuten in den Rasen. Zum ersten Mal bin ich irgendwie zufrieden mit mir. Als ich mich wieder in Bewegung setze, fühle ich mich ausgeruht, mein Tritt ist so kraftvoll wie noch nie seit dem Start. Ganz entgegen meiner Idee, die letzten 350 Kilometer gemütlich zu fahren, nehme schon nach der ersten Kurve am Ortsausgang zehn Minuten harte Verfolgungsarbeit in Kauf, um mich an einen Trupp Dänen in den Nationalfarben dranzuhängen, der vor mir auftaucht. Und plötzlich habe ich Spaß daran. Der Virus hat seine Inkubationszeit hinter sich, das Rennfieber hat auch mich erfasst. Fougères, Villaine-la-Juhel, es ist wie ein Film von schonungsloser Überlänge, der an mir vorüber zieht, ein unaufhörliches Treten, Stunde um Stunde, in die dritte Nacht hinein. Aber mein Tritt ist locker geworden und ich bin glücklich darüber, mein Soll im Wind im Übermaß zu erfüllen. Neue Allianzen werden geschmiedet, die sich bald schon als flüchtig erweisen - am Ende muss jeder selbst für sich sorgen.

Und während ich nun, um zwei Uhr in der Frühe, rund zweihundert Kilometer vom Ziel, meinen Nebenmann leiden sehe, bleibe ich seltsam unberührt: in meinem Inneren ist es so dunkel wie rings um uns her. Nur ein Gedanke nimmt langsam Form an: Bevor die Sonne heute wieder sinkt, werde ich in Paris einrollen, werde auch den dritten Tagesanbruch vom Sattel aus erleben. Ich fühle ich mich blendend, und als ich Max, "the busdriver", zu dem ich mich wieder vorgearbeitet habe, kurz vor fünf Uhr in Mortagne-au-Perche wiedersehe, bin ich verwegen genug, das Bier, das er mir spendiert, nicht abzulehnen. So harte Kerle wie wir..., denke ich und stoße mit ihm an. Der Preis ist hoch. Kaum sitze ich, diesmal in einer Gruppe von zwei Deutschen und einem Franzosen, wieder auf dem Rad, kommt das Schlafbedürfnis mit aller Macht zurück. Wie ein Schraubstock, der enger und enger wird. Durchhalten, durchhalten, jetzt nicht die Augen schließen, das ist zu gefährlich... Immer wieder beschreibt das Rad Schlangenlinien. Schlafen, schlafen, schlafen...Ich versuche, mit den anderen zu reden, mit André, der mit seinen Knieschmerzen kämpft, und dem "wilden Horscht", finde mich plötzlich alleine wieder, gebe mir noch zehn Minuten, ehe ich mich in einen dieser leblosen Körper verwandle, die seit Stunden, in ihre glitzernden Aludecken gehüllt, die Straßenränder zieren. Ich hole einen Franzosen ein, der mich ermuntert, wach zu bleiben. Und dann kommt die Sonne, und es folgt ein letzter Kaffee in Nogent-le-Roi, ehe ich mich, wieder mit den Deutschen, zum letzten Teilstück nach Paris aufraffe. Den sehnlichsten Wunsch meines Körpers, den Kopf für fünf Minuten auf den Tisch zu legen, schlage ich aus. Noch 58 Kilometer: Mit der Nähe zum Ziel schwindet endlich auch die Müdigkeit: noch einmal schaffen es Kopf und Muskulatur, die Knochen, Sehnen und das wunde Fleisch am Gesäß alles zu geben. Mit fünfunddreißig, achtunddreißig Stundenkilometern jagen wir, Andreas Horscht (der "wilde Horscht"), Siggi Rühling aus Köln, Hendrik van de Veere, ein junger Belgier, und ich, fast wie zu Beginn dem Ziel entgegen, stürzen uns in die Hügel, preschen über die Vorstadtstraßen; ich spüre, wie es mir kalt über den Rücken läuft, wie die Augen feucht werden, als wir Punkt zwölf Uhr in die letzte Kurve zum Ziel einbiegen, nach über 1200 Kilometern auf dem Rad, seit mehr als zweieinhalb Tagen. Und plötzlich, kaum dass man vom Rad steigt, fällt dieser Körper, mit Brachialgewalt zum Blühen gebracht, in sich zusammen: mit all seinen Schmerzen meldet er sich zurück und will nur noch eines: schlafen. Glücksgefühle? Dafür ist später noch Zeit.


Gesamtzeit: 63:45 h
Platzierung: 383 (4069)




Nachbemerkungen:

Geschafft! Der Autor und Axel Wellpott nach 63,75 bzw. 61,5 Stunden im SattelMit seinem Körper steht dem Menschen ein wunderbares Instrument zur Verfügung. Diese Banalität erhält auf 1200 Kilometern fast metaphysischen Dimensionen. Dass diese Ansammlung von Muskeln, Knochen, Gefäßen und Organen eine so hohe Belastung vergleichsweise locker wegsteckt, grenzt für mich an ein Wunder. Neben einem ungeheuren Schlafbedürfnis waren lediglich die Schmerzen am Hintern nennenswert. Alle anderen, leichteren, Beschwerden (Knie, Rücken, HWS, Handgelenke, Hände, Fußsohlen, Achillessehnen) waren vorübergehend und schon am Tag danach verschwunden. Bis Brest zeigt mein Computer einen Schnitt von 29,5 km/h (624 Kilometer, 4675 Höhenmeter). Es hat mich am meisten überrascht, dass ein so hoher Schnitt über 600 Kilometer durchgehalten wurde, trotz der vielen Anstiege in der Bretagne (bis Kilometer 360 fuhren wir einen Schnitt von 31,5 km/h).Im Gegensatz zu sehr vielen anderen in unseren Gruppen fuhren wir ohne Versorgungsfahrzeuge. Dies bedeutet zum einen, dass man an den Versorgungsstellen etwas mehr Zeit braucht, um sich mit den nötigen Dingen zu versorgen, zum anderen aber auch, dass man deutlich mehr Gepäck mit sich führen muss (Ersatztrikot, -hose, Regenjacke, Beinlinge, Armlinge). Gerade daran sollte man jedoch nicht zu sparsam sein. Die überraschende Kälte in der dritten Nacht hat vielen sehr zu schaffen gemacht, zumal der Körper bei Schlafmangel noch mehr friert. Man gewöhnt sich an dieses Gepäck und letztlich ist es wohl nicht entscheidend für den Ausgang des Rennens. Zu viele Faktoren bestimmen den Verlauf.

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