Wege mit dem Rad

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Notizen

Deutschlandtour 2003, Königsetappe

Wie er so dastand neben mir, zweihundert Meter vor dem Ziel der Königsetappe der Deutschlandtour am Feldberger Hof, im Sonntagsstaat aus schweißabsorbierenden Kunststofffasern, mit sehnigen, frisch rasierten und geölten Beinen, und, auf das Absperrgitter gestützt, andächtig auf die Großbildleinwand starrte: da wollte mir scheinen, dass man dem Radsportler als solchem eine gewisse Frömmigkeit nicht absprechen kann.

Gewiss, auch mein Nachbar wusste um die Niederungen des Daseins  - wenn er auf die Carbonräder der Besserverdienenden schielt oder sich, einmal in Fahrt, hemmungslos dem Adrenalinschub hingibt, sobald nur der Schatten eines Gegners am Horizont auftaucht. Zweifellos kannte er, wie seine Helden, die Exzesse des Alltags und er büßte dafür, am Schauinsland oder am Kandel, mindestens einmal die Woche. Aber hier: Geduldig harrte er aus, er, dem es sonst auf seinem Neun-Kilo-Renner bestimmt nicht schnell genug gehen konnte, und ließ das Werbespektakel über sich ergehen, obwohl er eigentlich nur gekommen war, seine Helden zu sehen und anzufeuern. Auf Geheiß der Promotionteams setzte er sich artig ein magentafarbenes Mützchen auf und ließ sich dazu hinreißen, im Rhythmus der Sambagruppe die Rassel zu schwingen, während er sichtbar darunter litt, dass die Kommentare zum Rennverlauf in dem ganzen Getöse untergingen. Bereitwillig stopfte er sich die Kinkerlitzchen aus der Werbekarawane in die überquellenden Trikottaschen – ungeachtet des Mehrgewichts. Und wie alle Gemeindemitglieder rings um uns her war er, als das Hochamt sich seinem rauschenden Ende zuneigte, entzückt vom Triumphzug des Once-Teams, allen voran José Azevedo.

Nach dem Rennen sah ich ihn wieder, wie er sich auf sein Rad schwang; er hatte die Helden kämpfen und leiden sehen und blickte noch einmal zufrieden zurück zum Zielstrich. Nachsichtig schlängelte er sich, die Nase voller Abgase, durch die Horden der ausparkenden Autos, bis er in der Abfahrt vom Feldberg seinen Beinen endlich wieder freien Lauf lassen konnte. Und im warmen Fahrtwind wusste er plötzlich wieder um den eigentlichen Grund, warum er diesen Sport so liebte und an seinem Götzendienst nichts Anrüchiges finden konnte. Jedenfalls glaube ich, dass sein Lachen, als wir für einen Moment nebeneinander fuhren, nichts anderes sagen wollte.

 

Juni 2003


 

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