Wege mit dem Rad

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Böhmerwald 2008

Dienstag, 16. September 2008     Passau - Passau

 

Hotel in Passau| Strecke |
Mein Onkel ist gestern, Montag, gleich wieder abgereist. Das ist einem Tief über Niederbayern zu verdanken, das uns am Sonntagnachmittag, kurz nach dem Start unserer gemeinsamen 130-km-Fahrt von Mühldorf nach Passau heimgesucht hat. Durchnässt und durchgefroren steigen wir bei Einbruch der Nacht direkt an der Donau vom Rad, heilfroh über ein warmes Hotelzimmer. Morgens beim Frühstück zeigt sich die Misere in ihrem ganzen Ausmaß: hinter den großen Fenstern nichts als Grau und Regen, Regen, Regen. So macht mein Onkel das einzig Richtige, was ihm angesichts der Umstände und seiner bereits bestehenden Erkältung zu tun bleibt: er nimmt den nächsten Zug zurück nach Kempten, seinem Zuhause. Die sechs Stunden Bahnfahrt am Sonntag von Freiburg über München nach Mühldorf hindern mich daran, es ihm gleichzutun. Mein Einsatz ist zu hoch. Aber ich habe meinen Führer in seine und die Heimat meines Vaters verloren.

Also verbringe ich einen Montag, der sich zieht wie Kaugummi. Mache ein paar Spaziergänge durch die regennassen Gassen dieser Stadt am Zusammenfluss von Inn und Donau, einer Stadt die so anmutig sein könnte. Hänge lange Stunden im Aufenthaltsraum des Hotels herum und der Blick wePassauchselt ungeduldig zwischen der Lektüre aus der Bahnhofsbuchhandlung und dem Regen außerhalb, der pausenlos die Donau torpediert.

Dass mit dem niederbayerischem Klima nicht zu spaßen ist, zeigt mir dann auch der Dienstag: zwar haben die Niederschläge nachgelassen, aber eine dichte Wolkendecke lässt nur wenig Tageslicht durch, geschweige denn Sonne. Als ich aus dem Hotel trete, empfängt mich eine Kälte, wie ich sie im September nur selten erlebt habe. Mein weniges Gepäck führe ich mit mir, damit bin ich frei zu nächtigen, wo es mich hinverschlägt.

Zum ersten Mal in meinen gut vier Jahrzehnten Lebenszeit bin ich aufgebrochen, die Heimat meiner Vorfahren väterlicherseits zu besuchen. Sie liegt jenseits der tschechischen Grenze im Böhmerwald, jahrzehntelang getrennt durch den eisernen Vorhang und unzugänglich. Seltsamerweise hatte ich nie ein wirkliches Verlangen danach, jene Phantasielandschaft, die durch nichts anderes als Erzählungen und Erinnerungen in meinem Kopf entstanden ist (ich weiß nur von einer einzigen Fotografie), mit eigenen Augen zu sehen. Dahinter steckt kein eigentliches Desinteresse; meine Abstinenz deute ich eher als Antwort auf die revanchistische Gesinnung der Vertriebenenverbände.

Fünfzig Kilometer trennen mich an diesem Morgen von der Grenze, gleich dahinter liegen die Orte, wo mein Vater und mein Onkel, von dem ich mich nun gerne hätte leiten lassen, ihre Kindheitstage verbracht haben. So aber mache ich mich alleine auf den Weg in die hinter der GrenzeVergangenheit, mitten durchs bayerische Grenzland. Ich bin erstaunt, hier so breite Straßen vorzufinden. Was hatte ich erwartet? Niemandsland? Menschenleere Gegenden? Die Straßen sind der Spiegel der deutschen Seele: während ich auf dem glatten Asphalt von Hügel zu Hügel rolle, zerbreche ich mir den Kopf darüber, ob dieser Gedanke irgendeinen Sinn macht.

Von Breitenberg schlage ich einen Haken ins Österreichische. Auf beiden Seiten der Grenze sieht man sowohl Autos mit deutschen wie österreichischen Kennzeichen, aber tschechische Fahrzeuge machen sich auf dieser Seite des Dreiländerecks rar. Ulrichsberg, der letzte nennenswerte Ort vor der tschechischen Grenze, nur noch durch eine Hügelkette getrennt von Geburtsort meines Vaters: wie fremd ich mich hier fühle! Ist es möglich, dass so wenig von seiner Geschichte in mir überlebt hat?

Als ich die tschechische Grenze passiere, ist die Temperatur auf fünf Grad gefallen. Es ist einsam, sehr einsam hier. An der Grenze ein zweisprachiges Schild: Naturpark Böhmerwald. Ein schmales Sträßchen führt mich mitten hinein. Bedrohlich hängen die Wolken über den dunklen Wäldern. Es würde mich nicht wundern, wenn im nächsten Moment Schneefall einsetzte. Da bin ich also, im Land meiner Väter.

Die erste Siedlung auf meinem Weg ist Prední Zvonková - Glöckelberg? Ärmliche Tristesse, ein paar baufällige Häuser, heruntergekommene Produktionsstätten. Ein Auto nähert sich, hält auf einem Gelände unweit davon. Drei schnauzbärtige Arbeiter steigen aus: kein Gruß, nichts. Man errichtet hier eine Stallung, groß wie ein Fußballfeld: vieles deutet auf einen Schweinemastbetrieb hider Moldaustauseen. Auch unter EU-Ägide feiert das Kolchosenidyll fröhliche Urständ. Ich fahre weiter, talwärts.

Mit dem Erreichen des Moldaustausees zeigt sich, dass ich in mein eigentliches Ziel verfehlt habe: Hüttenhof - bis zum Kriegsende Wohnort der Familie. Ich beschließe, trotz der Kälte den See entlang zu fahren, im Uhrzeigersinn. Die Fähre nach Horní Planá auf der anderen Seeseite ist vor wenigen Minuten gefahren, die nächste geht erst in zwei Stunden. Ebenso wenig wie es mich weiter zieht, zieht es mich zurück; also folge ich der schmalen Straße, nun wieder quer durch den Wald. Vier Grad zeigt das Thermometer, die Füße geben kaum noch Lebenszeichen.

Die Moldau ist dort, wo man den Zufluss des Stausees überquert, unscheinbar, eingebettet in Wiesen. Auf den Schildern steht: Vitava. In Horní Planá (Oberplan) steht das Geburtshaus Adalbert Stifters, die Hinweisschilder sind hier zweisprachig. Etliche Pensionen, Gasthöfe und Hotels machen entlang der Nordostseite auf sich aufmerksam, aber nun, außerhalb der Saison, hinterlassen sie alle einen etwas verlorenen Eindruck. Meine Rastlosigkeit trägt nicht dazu bei, sie zu beleben. Erst als mir in Frymburk (Friedberg) zum zweiten Mal eine Fähre vor der Nase davonfährt, mache ich zehn Kilometer weiter, am anderen Ende des Sees, an einer Konditorei halt. Die Füße erwachen zu neuem Leben.

Bei heißem Kaffee und Apfelstrudel brüte ich über mein weiteres Vorgehen. Bequemer wäre wohl, den nächstbesten Grenzübergang anzusteuern, aber - bin ich nicht gekommen, um Glöckelberg mit seiner neu renovierten Kirche zu finden und Hüttenhof aufzuspüren, das dem Verfall anheim gegeben wurde? Bei dieser frostigen Seeumrundung werde ich es nicht bewenden lassen, auch wenn mir vor allem nach einem verlangt: zurück in die wärmeren Tieflagen.

Die Staumauer, die ich kurz darauf überquere, wurde 1956 in Betrieb genommen. Als meine Vorfahren noch hier lebten, gab es den See noch nicht. Seine der Grenze zugewandte Seite wirkt auch hier wie ausgestorben. Über verschlungene Wege komme ich zurück nach Prední Zvonková - Vorderglöckelberg, soviel konnte ich inzwischen der Karte entnehmen. Glöckelberg liegt näher zur Grenze hin. Dann passiere ich das Schild Klostel Zvonková. Hier muss es abgehen... Über einen glitschigen Weg schiebe ich mein Rad nach oben, sehe erst die Friedhofsmauer, dann die Kirche vom einstigen Glöckelberg. Ich bin ergriffen und weiß selbst nicht warum. Weil in dieser Erde die Gebeine meiner Vorfahren ruhen? Ziellos gehe ich von einem Grab zum anderen, versuche die Inschriften zu entziffern, die meidie Kirche von Glöckelbergsten Steine sind verwittert. Die wenigen lesbaren Namen sind mir fremd. Die Kirche: Fixpunkt all derer, die heute in alle Winde zerstreut sind. Zahlreiche Spenden sind für ihre Renovierung geflossen. Irgendetwas möchte ich mitnehmen von hier, aber mir bleibt nur der hilflose Druck auf den Auslöser der Kamera. Keine Menschenseele weit und breit.

Zurück auf die Straße. Wo ist Hüttenhof? Nach ein paar hundert Metern komme ich an einer Wegekreuzung mit Wanderschildern vorbei: Zadní Zvonková steht zuoberst: Glöckelberg, 838 m. Etwas darunter ein Pfeil: Josefuv Dul - Josefstal, der Nachbarweiler von Hüttenhof. Wie konnte ich das auf meinem Hinweg nur übersehen? Der Nachmittag neigt sich seinem Ende zu und kurz schrecke ich vor dem Gedanken zurück, in diesen engen, düsteren Waldweg einzubiegen, auf den der Pfeil verweist. Einen Kilometer später stoße ich auf ein asphaltiertes Sträßchen, daneben eine Pension: wie kann man damit in dieser Gegend überleben? Dann das Schild Josefuv Dul. Weiter. Schließlich sehe ich es vor mir: Hutský Dvur- Hüttenhof.

Fast einhundert Familien hatten hier bis zum Kriegsende gewohnt. Von den einstigen Gehöften ist nichts mehr geblieben, nicht einmal Reste. Die Zeit hat alle Spuren getilgt. Wiesen, Wälder, der schmale Schwarzenbergkanal, weidende Kühe, die raue Straße. Inmitten dieser Einöde mussten meine Vorfahren ihr einfaches Heim gehabt, Freuden und Sorgen geteilt haben, müssen die Kinder zur Welt gebracht worden sein. Träume und Hoffnungen: an jenem Abend im Juni '47 erloschen, als der Lastwagen kam und die damals siebenköpfige Familie (der älteste Sohn war in Gefangenschaft) mit ihren wenigen Habseligkeiten ins Lager nach Krummau verfrachtete. Sie waren deutscher Abstammung, das genügte. Dass mein Großvater, wie mir erzählt wurde, nach einer Prügelei mit einem Wehrmachtsangehörigen denunziert und ins Gefängnis nach Dachau eingeliefert wurde und nur auf Bitten des Bürgermeisters von Glöckelberg wieder auf freien Fuß kam - all dies zählte nach dem Krieg nicht. Ihm schlug es auf den Magen, er starb '54, nur wenige Jahre nach seiner späten Ausreise nach Deutschland, an einem Krebsgeschwür. Ich habe ihn nicht mehr gekannt.

Ich spüre, wie mir die Knie weich geworden sind, nur wegen diesem einzigen Schild: Hutský Dvur. Der Ort, der auf der Geburtsurkunde einer ganzen Familie steht, Hüttenhof, ist nur noch eine Fiktion. Der Krieg ist eine Pest.

Ich verabschiede mich und es tut etwas weh, tief drin im Herzen, diesem Motor, der mich jedes Jahr Tausende von Kilometern übers Land treibt.

Auf mich wartet der weite Weg zurück nach Passau; alleine hätte ich es hier oben nicht aushalten wollen. Fast könnte man meinen, im Westen zeigt sich ein Abendrot. Für die nächsten Tage rechne ich mit Wetterbesserung.


Strecke:

199 km

Zeit:

8:38 h

Schnitt:

23,0, km/h

Höhendifferenz:

2598 m

 

 

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