Wege mit dem Rad

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Barjac-Annonay

Donnerstag, 7. Juli 2011     Barjac – Annonay


Barjac am Morgen| Strecke |
Fällt das Wort Ardèche, denkt jeder sofort an die berühmten Schluchten und den Pont d'Arc, jene natürliche Felsformation, die sich wie eine Brücke über die Ardèche spannt. Im nahegelegenen Ort Vallon-Pont-d'Arc lege ich meinen ersten Tagesstopp ein. Vom Campingplatz aus habe ich Barjac rechts liegengelassen, um ohne weitere Verzögerung in die Ardèche vorzustoßen. Bis zur Departementgrenze sind es fünf Kilometer, dann bleiben noch zehn weitere, bis der Café au lait auf dem Terrassentisch im Zentrum Vallons vor mir die zu meiner Wiederherstellung nötige Atmosphäre schafft. Auf die Schluchten habe ich im Vorbeihuschen einen kurzen Blick geworfen. Zu dieser frühen Morgenstunde wäre es reizvoll, sie zu befahren. Meine Route jedoch lässt sich mit ihrem Verlauf, den die Wassermassen in Jahrtausenden in den Kalkstein gegraben haben, nicht vereinbaren.die Gorges der Ardèche

Meinen Weg ins Herz der Ardèche führt nördlich über das Tal der Ibie. Unter dem verhangenen Himmel zieht es sich grau bergan. Sein breites, fast gänzlich ausgetrocknetes Flussbett trägt eine Stimmung, wie sie nun mal gerne aufkommt, wenn man sich am Anfang eines überlangen Nachhausewegs befindet. Es ist kein Ort der Inspiration. Im Sommer trotzen seine kargen Wälder und das bleiche Gestein der Hitze, im Winter dem Regen und der Kälte. In seiner freudlosen Ödnis spiegeln sie des Menschen Innerstes in seiner existenziellen, trostlosen Einsamkeit und haben darin gleichzeitig wieder etwas Tröstliches. Es ist kein Ort zum Verweilen. Man schickt seinen Hund in eine der Pfützen im Kies zum Baden und schaut, dass man eilends weiterkommt. 

Anders als gestern ist die Strecke nicht flach. Wieder kommt der Wind mal von vorn, mal von der Seite, in selteneren Fällen auch von hinten. Es ist keine Schinderei, aber auch kein Vergnügen. Es ist ein zähes Arbeiten am Vorwärtskommen. Auf dem Weg nach Privas mache ich Bekanntschaft mit einen Holländer, der in dieser Gegend seine Ferien verbringt. Er schwärmt von all den Hügeln, die hier noch auf ihn warten würden, und wie glücklich er sei, nun doch hier zu sein, nachdem sein Urlaub wochenlang aus beruflichen Gründen auf der Kippe stand. Auf dem Bergkamm neben uns stehen ein paar Windräder und in diesem Moment bläst der Wind kräftig von hidie Ardèchenten. Auf dem Col du Benas trennen sich unsere Wege und ich bedauere es. Dafür geht es für mich fast fünfzehn Kilometer ins Tal, hinunter nach Privas, dem Verwaltungszentrum des Départements Ardèche.

So schnell wie ich nach Privas hineingefahren bin, verlasse ich es auch wieder. Meine Mittagspause möchte ich irgendwo danach machen, wenn ich erst einmal den Anstieg aus der Stadt heraus hinter mich gebracht habe. Der Run auf die Picknickbänke muss ausbleiben. Es gibt keine. Es gibt Landschaften, die mir zunehmend freundlicher erscheinen, trotz des beständigen Auf und Ab. Auf einem Wiesenstück lege ich meine Decke aus und kümmere mich ums leibliche Wohl. Wieder zeigt der Tacho 90 Kilometer. 

Die Straße, die danach folgt, ist die eindeutig schönste der vergangenen zwei Tage. Es ist keine Straße sondern fast ein Stück Poesie, das sich die Bergflanken entlang windet, eingefasst von Schafweiden und Wäldern. Der Blick richtet sich in die Ferne. Und hin und wieder fragend auf die Karte. Erst in St. Cierge, einem kleinen Ort in den Bergen, bemerke ich, dass ich mich ordentlich verfahren haben muss. Ich wende mich an zwei Damen um Rat. Sie sitzen beim Kaffee an einem kleinen Tischchen vor ihrem Haus und es scheint fast, als würden sie darauf brennen, mir weiterzuhelfen. Die jüngere der beiden hat auf ihrer Brust eine eintätowierte Schlange, die sich weit ins Decolleté hinunterzieht. Wie weit, habe ich nicht herausbekommen. Ihr Angebot, ein Stück Schokolade mit mir zu teilen, lehne ich tugendhaft ab und mache kehrt. Ihre Freundlichkeit weiß ich zu schätzen.

Der Weg bis Annonay ist weit und hügelig. Noch einmal ist Standfestigkeit gefragt: von Zeit zu Zeit verführen Hinweisschilder zu Orten unten im Rhôhnetal. Dekoration für die ArdèchoiseEs wäre ein Einfaches, ihnen zu folgen und die Hügel auf den Straßen entlang des Flussufers zu umgehen. Aber man hat ja seine Prinzipien.

Dank ihrer erreiche noch zu einer annehmbaren Zeit Annonay. Bis ich mein Zelt aufgeschlagen habe, vergeht aber noch eine weitere Stunde. Der Campingplatz ist am obersten Ende der Stadt, die in sich wohl eine Höhendifferenz von zweihundert Metern aufweist. Die Rezeption hat bereits geschlossen. Dass der Abend heute weniger beschaulich würde als der gestrige, sieht auch der Laie mit einem kurzen Blick in den Himmel. Der ganze Nachmittag war gekennzeichnet von einer drückenden Schwüle. Gewitterstimmung liegt in der Luft. Annonay, ZeltplatzDie Auspuffe röhren etwas lauter, die jungen Leute fahren noch etwas schneller und ungeduldiger, die ganze Stadt scheint sich in einem fiebrigen Trancezustand zu befinden. Ich hole mir an einem Imbiss etwas zu essen und sehe während des Wartens dem Treiben mit staunenden Augen zu. Die Stadt gleicht einem riesigen Marionettentheater. Als der Regen einsetzt, mache ich mich auf den beschwerlichen Rückweg zum Zeltplatz. Über der Stadt tobt ein Gewitter, wie man es eher selten erlebt. Schwere Tropfen prasseln gegen die Zeltwand und Blitze erleuchten die Nacht taghell. Trotz der fast zweihundert Kilometer dieses Tages fehlt es mir am Appetit. Ich schiebe mein Essen hinaus in den Regen, wickle mich in meinen Schlafsack und versuche, Schlaf zu finden.


Strecke:

196 km

Zeit:

10:01 h

Schnitt:

19,6 km/h

Höhendifferenz:

2618 m

 

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