Wege mit dem Rad

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Mouthe-St. Marcellin

Mittwoch, 30. März 2011     Mouthe - St. Marcellin

| Strecke |

Frühstück in MoutheDer Schlaf auf den Holzbrettern war vorzüglich, der Regen hat bei Tagesanbruch aufgehört, die Maschinen sind soweit in ordentlichem Zustand - wäre da nicht mein Knie, unsere Expedition könnte heute in ihrer ganzen Größe erblühen. Wir sitzen um acht Uhr im Café in Mouthe und ich gerate sehr ins Hadern mit mir. Was bin ich doch für ein Sensibelchen... sollte am Ende wegen dieser lächerlichen Schmerzen unsere Unternehmung zum Scheitern verurteilt sein? Mein Weggefährte schmeißt 300 Euro in die Waagschale um seine Karrosse flott zu bekommen und ich mache wegen meines Knies schlapp? Das sage ich natürlich nicht sehr laut und auch nicht, dass sich die Beschwerden auf den wenigen Kilometern nach Mouthe gar nicht so lächerlich anfühlten. Wie lange würde ich so durchhalten? Bis Bellegarde - dann in den Zug steigen? Und mein Reisepartner? In diesem herrlich warmen Café, wo der Milchkaffee angesichts der draußen herrschenden Morgenkälte doppelt gut schmeckt und sich die köstlichen Backwaren auf dem Teller und hinter der Theke auftürmen, entschließe ich mich, mit dem Teufel zu paktieren.

Wann war ich das letzte Mal in eigener der AbsturzSache in einer Apotheke? Es muss zwei oder drei Jahre her sein, und dabei habe ich mir lediglich Klebeband gekauft, um damit die Felgen zu bekleben. Wie stellt man sich da überhaupt an? Zunächst heißt es warten, bis die Apothekerin einige Minuten nach der offiziellen Öffnungszeit auf den Parkplatz schießt, um wenig später von innen die Glastüre zu öffnen. Medizinisch nicht gänzlich unbedarft, versuche ich es auf die zielstrebige Art, fordere entzündungshemmendes Diclofenac zum Einreiben und am liebsten auch oral, was sie mir aber ohne Rezept nicht geben will. Dann eben Ibuprofen. Macht zusammen irgendwas um die zehn Euro. Verglichen mit dem, was Profisportler für ihre Dopingmittel ausgeben, eine geradezu peinlich geringe Summe.

Eine Pille gibt es sofort zur positiven Einstimmung auf den Tag und die Salbe verstreiche ich sachkundig rings ums Knie. Knieling drüber und fertig. Die Pharmaindustrie übernimmt das Ruder.

im JuraGemeinsam rudern wir zunächst einmal ein ordentliches Stück stromaufwärts bis auf 1260 Meter. An den Bergflanken liegen Schneereste, die diesem grauen Tag zumindest ein paar weiße Flecken verleihen. Auf der Passhöhe passieren wir die Schweizer Grenze, Mutterland meiner entzündungshemmenden Salbe. Sie hat sozusagen ein Heimspiel und strengt sich besonders an. Nicht umsonst, ich gestehe es. Ich fasse ein klitzekleines bisschen Vertrauen in mein defektes Körperteil und kurble weiter so gut es eben geht. Belastet wird nur das gesunde Bein. Ich sehe eine Apotheke am Straßenrand und beginne, ganz warme Gefühle für sie zu entwickeln. Als wir in Les Rousses angelangt sind, habe ich bereits ein kleinbisschen mehr Vertrauen gefasst. Wir halten an, ich schmiere. Man könnte zum Junky werden. Nach dem zweithöchsten Punkt dieses Tages, le Tabagnoz auf 1251 Metern, soll es 50 Kilometer nur noch bergab gehen - sagt mein Kollege. weiße Flecken...Mein Knie zuckt vor Freude. Natürlich stimmt es nicht, es geht auf und ab, aber unter dem Strich ist bis Châtillon-en-Michaille ein Gefälle von knapp 1000 Metern zu verzeichnen. Allemal besser als andersherum.

Culoz: einen nach dem anderen drängt uns ein Laster auf den geschotterten Seitenstreifen ab. Viel Platz zum Ausweichen gibt es nicht. Eigentlich wollten wir bereits vergangene Nacht diesen Punkt jenseits des Jura erreichen, aber wir waren einfach nicht hart genug. Der Lkw war die verdiente Strafe dafür. Überhaupt könnte man jeden Laster, der die Notwendigkeit zwischenmenschlicher Distanz ignoriert, als eine verdiente Strafe für irgendwas nehmen: am Abend eines manchen Tages wäre man sündenfrei. Heute sind es sehr wenige Lkw.  Ich fürchte, ich, der ich den Weg der Tugend verlassen habe und knietief im Dopingsumpf stecke, werde heute auf meinen Sünden sitzenbleiben. Ich schmiere und schmiere. Mein Knie sieht aus wie eine glänzende Speckschwarte.der Radweg am Rhône

Die Sonne kommt zurück, sie wenigstens scheint ihre Schwächephase überwunden zu haben. Es wird Zeit, die Westen auszuziehen. Vor Bellay wechseln wir auf einen Radweg, der irgendwann Genf mit Lyon verbinden soll. Ich vermute, dass wir das zu Lebzeiten nicht mehr erleben. Und ob unsere Nachfahren, wenn er denn zu ihren Lebzeiten fertiggestellt werden sollte, noch etwas damit anzufangen wissen, darf zumindest bezweifelt werden. Die wenigen Kilometer entlang des Rhônes aber, die ausgebaut sind, rollen wir mit Vergnügen dahin. Gegen 18 Uhr legen wir eine kleine Pause ein, um die Speicher zu füllen.

am RhôneLangsam dehnt sich meine Wahrnehmung übers Knie wieder aus auf die Landschaften, die wir durchstreifen. Es sind kaum Berge dabei, die uns das Leben schwer machen. Den einzig nennenswerten Anstieg erklimmen wir, als es bereits Nacht geworden ist. Zuvor hatten wir in einem dieser Provinznester, die man schnell wieder vergisst, Le Grand Lemps, einen Stopp in einem Imbiss eingelegt. Es war der einzige offene Imbiss im Ort und auch ihn darf man getrost schnell wieder vergessen. Die Angst, in St. Marcellin, unserem Zielort für heute nacht, hungrig vor verschlossenen Türen zu stehen, hat unsere Risikobereitschaft, was kulinarische Erfahrungen betrifft, gesteigert. Zu guter Letzt jedoch geben wir uns mit Pommes zufrieden.

St. Etienne-de-St. GeoirsGleich am Ortseingang von St. Marcellin halten wir Ausschau nach einer Übernachtungsgelegenheit. Eine Sportstätte mit überdachen Sitzrängen besehen wir uns näher. Der Platz ist nahezu perfekt. So steht einer weiteren Erkundung des Ortes nichts mehr im Wege. In einer Pizzeria in der Ortsmitte stehen am Tresen noch Leute einer Abendgesellschaft und wir gesellen uns für ein paar Gläser Bier dazu. In unseren Klamotten müssen wir auf sie wie Menschen eines anderen Sternes wirken, doch sie geben sich uns gegenüber vielleicht etwas distanziert aber freundlich. Sie sehen uns an, dass wir in friedlicher Mission unterwegs sind.

Beim Gehen werden wir gefragt, wo wir den zu nächtigen gedächten. "Es wird sich schon was finden," sage ich. Es muss ja nicht jeder erfahren, wo wir übernachten. Am Ende hetzen sie uns noch die Presse auf den Hals und bringen uns um unsere wenigen Stunden wohlverdienten Schlafs. 

Strecke:

252 km

Zeit:

11:14 h

Schnitt:

22,4 km/h

Höhendifferenz:

1933 Hm

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