Wege mit dem Rad

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Rians-Marseille

Mittwoch, 19. März 2008     Rians - Marseille

Zum Problem erster Ordnung wird in dieser Nacht die ungewöhnliche Kälte. Minus zwei Grad Außentemperatur zeigt das Thermometer um drei Uhr morgens. Diesem glücklichen Umstand allein ist es zu verdanken, dass ich alle meine mitgeschleppte Kleidung überhaupt zum Einsatz bringe. Wie oft ärgert man sich darüber, dass man am Ende einer Reise noch irgendwo in der Tasche ein unbenutztes Unterhemd findet. Ich will niemanden mit der Aufzählung dessen, was ich mir an Wärmedämmung überziehe, langweilen, aber doch meine Fleecedecke erwähnen, die klein und leicht ist und ungeheuer billig war. Ihr verdanke ich in dieser Nacht wenn nicht mein Leben, so doch meinen Schlaf - und nicht viel weniger Urbans Packtasche, in der ich meine Füße temperiert halten kann.

Der Lohn meiner Mühen ist nicht, wie nach einer sternenklaren Nacht zu erwarten, ein strahlend blauer Morgenhimmel, sondern eine graue Wolkendecke. Wie es zu dieser himmlischen Fehlleistung kommen konnte, wäre noch zu klären, zunächst heißt es aber, sich bei eisiger Kälte umziehen - was vor allem bedeutet: ausziehen - und packen. Bis meine beiden Säcke am Rad festgezurrt sind, vergeht genügend Zeit, um Gefahr zu laufen, in Winterstarre zu verfallen. Mit einem beherzten Sprung aufs Rad retten wir uns, und steuern das nächtbeste Café im Ort an. Dass auch noch die Bäckereien geschlossen sind, ist eine weitere Prüfung des Schicksals. Wir lassen uns nur wenig davon beeindrucken und schlürfen unseren Milchkaffee ohne Beiwerk. Dies findet sich gratis um uns herum: Zeitungsleser, die sich, ohne von ihrer Lektüre aufzublicken, Freundlichkeiten an den Kopf werfen, ein zerstreuter (oder schwerhöriger?) Wirt, eine Bedienung, die bereits zu dieser frühen Stunde ein Glas Bier vor sich stehen hat. Alles in allem keine Kinder von großer Tristesse. Dass wir dennoch weiterreisen, hat allein damit zu tun, dass wir heute noch nach Marseille gelangen wollen.

Blick auf den Pas de la Couelle

Wenige Kilometer hinter Rians biegt die D 23 ab, die uns dicht an Cezannes Sainte-Victoire bringt, jenen Berg, den der alte Impressonnist wohl hunderte Male auf die Leinwand zauberte. Auch in natura ist er ausgesprochen hübsch anzusehen, wie er sich aus dem Grau des Morgens vor uns in den Himmel reckt.

Wir queren die Provençale, die Autobahn von Aix-en-Provence nach Italien, und einen Trauerzug in Trets zum nächsten Friedhof. Wir klettern auf den Pas de la Couelle, im Volksmund auch Petit Galibier genannt, und lassen es nach St.-Zacharie rollen. Die Temperaturen sind gestiegen, und statt den direkten Weg zum Meer zu wählen, nehmen wir nun doch den ursprünglich geplanten Umweg entlang der vielbefahrenen N 560/D 560, um knapp 20 Kilometer später auf der einsamen D 64 zum östlichen Ende des Ste.-Baume-Massiv zu pedalieren.

die Westauffahrt zum Col d'Espigoulier

Bis Mazaugues verläuft die Straße sehr wellig, danach ist die Tendenz eindeutig: es geht kompromisslos wohl 15 Kilometer nach oben bis Plan-d'Aups, einer langgezogenen Ansammlung von Ferienhäusern im Schatten des Hauptkamms des Massivs. Zwischendurch fällt Regen und der Gegenwind schickt uns seine letzte Grüße. Von dieser Stelle aus herzliche Grüße zurück.

Hat man sich einmal bis hierhin vorgearbeitet, ist es bis zum Col d'Espigoulier mit seinen 728 Metern nur noch ein kleiner Schritt. Ein raues Asphaltband, das innerhalb einer Viertelstunde zur Passhöhe führt und nach und nach den Blick über die provençalische Vorgebirgslandschaft freigibt. Die Ankunft auf dem Scheitelpunkt ist ein besonderer Moment und würdiger Höhepunkt dieser Fahrt in den Süden. Zu unseren Füßen, noch von weißen Felsen verdeckt, liegt das Mittelmeer.

Im Gegensatz zu unserer Seite ist die Auffahrt von der Westseite steil. Sehr steil sogar. Sie ist der Wahnsinn. am ZielSie ist so steil, dass man nur Radfahrer auf der Strecke sieht, kaum ein Auto. Vier, fünf Mal von Meereshöhe hier hochgefahren, und wir hätten einen ansehnlichen Teil der uns durch die Zugfahrt entgangenen Härten kompensiert. Das wäre eine feine Sache gewesen. Wir haben zu spät daran gedacht, schade. 

Aubagne ist ein verkehrsreicher Ort nahe der Küste, die Verkehrsplaner sind auch hier wie so oft sehr extremistisch eingestellt, was sich dahingehend äußert, dass alle ausgewiesenen Straßen irgenwie zur Autobahn führen, dort aber will uns beide niemand haben. Marseille bei NachtAm Ende landen wir doch noch am Strand von Cassis, wo wir den Nachmittag ausklingen lassen wollen, ehe wir abends nach Marseille weiterzufahren gedenken. Das Wunder geschieht: In Cassis, jenseits aller Berge, scheint die Sonne. Wir sitzen am Kai und bewegen uns stundenlang nicht mehr vom Fleck. Das Ziel ist erreicht.

Cassis zu verlassen, fällt mir schwer, aber der Zug wartet nicht auf uns. Bei hereinbrechender Dunkelheit machen wir uns auf den Weg über den Col de la Gineste nach Marseille. Die Strecke leidet unter dem Feierabendverkehr. Die Aussicht aufs Meer und auf Marseille sind dennoch großartig. Schneller als mir lieb ist verschluckt uns die Großstadt, ihr Bahnhof und der Zug, der uns durch die Nacht bringt, zurück ins noch kältere Deutschland.


Strecke:

  148 km

Zeit:

 7:09 h

Schnitt:

 20,7 km/h

Höhendifferenz:

1909 m

Gesamtstrecke:

  803 km

 

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