Wege mit dem Rad

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Luz-St.Sauveur- Ayguelade

Mittwoch, 16. September 2009

Abschiedsfoto| Strecke |
Heute ist das erste Mal, dass es frisches Brot und Croissants zum Frühstück gibt. Frühmorgens schlürfe ich zu Fuß durch die Gassen von Luz-St. Sauveur und genieße den jungen Tag. Wie Honig fließt die Sonne über die steilen Berghänge. Der Zauber der Bergwelt.

Ein letztes Mal packen wir gemeinsam unsere Sachen, ein letztes Mal hat der Pfälzer, dieser Campingmuffel, die Nase vorn. Wie macht er das nur?

Dann lassen wir es ins Tal rollen. Lange genug, um die vergangenen Tage noch einmal revue passieren zu lassen. In Argelès-Gazost ist es soweit, wir machen ein letztes Foto von uns zu zweit; auf allen weiteren Fotos werden wir alleine posieren müssen.

Mein Weg führt mich zurück in die Pyrenäen. Ich verfolge die belebte Straße hin zum Fuß des Col de Soulor, bis mich meine Eingebung heißt, etwas Neues zu wagen: Auffahrt zum Col de Couraduqueden Col de Couraduque, ein unbedeutender Übergang ins nächst nördliche Tal, 1360 Meter hoch. Zwar sieht die Abfahrt auf meiner gelben Michelin eher nach Forstweg aus, aber die Karte ist von 1989 - vieles kann sich seitdem geändert haben. Also suche ich mir im kleinen Örtchen Aucun den richtigen Weg durch die schmalen Gassen. Der Beginn ist steil, aber  mit schönen Ausblicken, später flacht er zunehmend ab. Col de Couraduque

Zwanzig Jahre sind ein Wimpernschlag in den Pyrenäen. Die Straße erweist sich tatsächlich als Forstweg, zunächst gut befahrbar, doch je weniger an ein Zurück zu denken ist, je mehr wird der Weg zur Belastungsprobe für mich und meine Fuhre. Wir ruckeln im Schritttempo talwärts, bis uns das Sträßchen hoch zum Col de Spandelles erlöst. Asphalt, wunderbar! Unterwegs habe ich mehrere Gestalten im Unterholz oder am Wegesrand entdeckt, die sich bei meinem Kommen wegzuducken schienen. Schmuggler? Es sind Pilzsucher, wie ich an der Beute eines dieser scheuen Waldschrate feststellen kann. Er dreht sich nicht einmal zu mir um.

Blick vom Col de SpendellesDer Col de Spandelles überzeugt durch seine herrlichen Ausblicke in der kurvenreichen Abfahrt und ist obendrein - abgesehen vom Pilztourismus - so gut wie verkehrsfrei. Allerdings umklammern die Hände fast ununterbrochen die Bremsgriffe. Und fast unvermittelt stößt man plötzlich auf die Kreuzung, die einen vor die Entscheidung stellt: noch einmal hoch zum Aubisque oder talwärts, dort, wo sich nun der Pfälzer irgendwo tummelt. Ohne zu überlegen schlage ich den Weg ins Gebirge ein, obwohl ich mir vor der Abfahrt vorgenommen habe, den Aubisque diesmal auszulassen. Nun gut, ein bisschen hoch, dann rasten, dann wieder Richtung Flachland. Tatsächlich finde ich wenig später, in Ferrières, einen Tisch für meine Pause. Danach, abgemachte Sache, geht's zurück ins Tal. Cirque du LitorAls es soweit ist und ich mich eine halbe Stunde später wieder aufs Rad schwinge, erfasst mich eine Windböe aus dem Tal und drückt mich nach oben. So muss es gewesen sein. Freiwillig hätte ich's bestimmt nicht gemacht.

Im Grunde ist es mir gleichgültig. Sollen die mit mir doch machen, was sie wollen. Ich trete demütig vor mich hin. Irgendwann geht auch das wieder vorbei, dann werde ich auf dem Soulor sein, dann auf dem Aubisque. Hauptsache, der Asphalt bleibt trocken: darauf, mein lieber Himmel, verlasse ich mich. Eine drückende Schwüle liegt über dem Tal, und je weiter ich nach oben komme, um so mehr zieht der Himmel zu. Tagesziel ist erreicht...Jetzt bitte keine Mätzchen... Der Cirque du Litor, ein Kessel aus Bergen, und ich, ein Nichts, an einer seiner Flanke: zauberhaft. Ich stelle fest: die Auffahrt von der Nordseite hoch zum Soulor ist ohne Zweifel die Schönste.

Genau auf dem Col de Soulor fängt es zu regnen an: kann man sich heutzutage noch auf irgendwas verlassen? Es regnet nicht, es gießt in Strömen: im Nu bin ich pitschnass. Der Col d'Aubisque, zehn flache Kilometer weiter, ist mir nur einen kurzen Stopp wert, um mir vor der Abfahrt von 1709 Metern die langen Handschuhe anzuziehen. Achtzehn lange Kilometer sitze ich zähneklappernd auf dem Rad. Im Laden in Laruns erhöht sich der Wasserpegel auf dem Fußboden mit meinem Eintreffen dramatisch. Ich zittere so, dass ich kaum mein Kleingeld im Portemonnaie zu fassen kriege. im GastrozeltAm Ortsende gibt es einen Campingplatz, aber mir ist so kalt, dass ich fahren muss. Außerdem regnet es noch immer, aber am Horizont vor mir zeigen sich die ersten Lücken im Gewölk. Eine solche muss ich finden. Dann werde ich mein Zelt aufschlagen, vorher nicht. Genau so habe ich es gemacht.

Auf dem Zeltplatz in Ayguelade gibt es sogar eine Art Gastrozelt, um die Klamotten aufzuhängen und im Trockenen zu kochen. Warm wird mir an diesem Abend allerdings nicht mehr.

Strecke:

103 km

Zeit:

6:12 h

Schnitt:

16,5 km/h

Höhendifferenz:

2440 Hm

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