Wege mit dem Rad

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Freiburg - Besancon

In fünf Tagen von Freiburg in die Weinberge von Bordeaux? Wenn's denn sein muss...

Montag, 9. September 2002   Freiburg - Besancon

Die Idee, mit dem Rad ins Bordelais zu fahren, ging mir schon die letzten zwei Jahren durch den Kopf - seit ein damaliger Reisegefährte mich auf einer gemeinsamen Alpentour mit der Erzählung seiner eigenen fünftägigen Fahrt an die Atlantikküste im Südwesten Frankreichs mit der Idee infizierte. Viele Male hatte ich Frankreich von Ost nach West durchquert, zuerst per Anhalter, später mit dem Auto oder mit dem Zug - warum nicht mit dem Rad? Die Vorstellung, in dieser Gegend, die sich nach der Stadt Bordeaux Bordelais nennt, einen Freund von mir zu besuchen, schien mir Anlass genug, seine Heldentour zu imitieren. Allein - der August war fast schon vorüber, die Tage spürbar kürzer, es sah alles danach aus, als sollte das Jahr 2002 noch nicht das Jahr sein, dieses Vorhaben in die Tat umsetzen. Bis der zufällige Anruf meines französischen Freundes meine Motivation neu entfachte: dort würden die Abende länger sein, die Temperaturen milder; die fortgeschrittene Jahreszeit konnte als Ausrede nicht wirklich herhalten...

Dass Bertram, ein gelegentlicher Trainingspartner, in der selben Woche Urlaub hatte, war Zufall. Er war noch nie Strecken über 200 Kilometer gefahren, schon gar nicht mit Reisegepäck - ein Novize in Sachen Campingurlaub. Ich schätzte ihn wegen seiner Zähigkeit und seiner guten Laune, und auf die Gefahr hin, dass wir uns gegebenenfalls trennen würden, wenn sich herausstellen sollte, dass diese Art von Urlaub nicht die seine sein sollte, beschlossen wir, die Tour gemeinsam zu starten. Mit Hilfe eines Routenplaners am Computer ermittelte ich 860 Kilometer nach Cadillac, dem Zielort - Gerüchte besagen, dass das Auto gleichen Namens nach diesem Ort benannt sein sollte. Ich liebäugelte insgeheim mit vier Tagen Fahrt, täglich also etwas über 200 Kilometer, ein Batzen, der gewaltig scheint und verführerisch in seiner Maßlosigkeit.

Treffpunkt: 09.09.02, Freiburg, Martinstor, 7.45 h. Ein kurzer Anruf zuvor ergibt: Bertram schafft es nicht rechtzeitig, ich auch nicht - vom Timing her herrscht also schon mal Harmonie; es wird halb neun, bis die Schuhe in den Pedalen einklicken. Ich ermahne meinen Begleiter zu einem verhaltenen Fahrstil, drohe ihm mit allen Erschöpfungssymptomen, die sich nach 200 Kilometern einstellen würden - nicht ohne Eigeninteresse: eine (unumgängliche) Tour am Vortag über 240 Kilometer steckt mir noch in den Beinen.

Rhein-Rhone-KanalWir lassen Freiburg hinter uns, lösen uns regelmäßig in der Führung ab, fahren insgesamt in einem besonnenen Tempo durch die Rheinebene. Das Wetter hält sich in Grenzen: es ist windig, Regenwolken hängen unmotiviert am Himmel; für kurze Hosen ist es zu kühl. Bis Mulhouse geht es recht flott voran, vor der Stadt stoßen wir auf den Rhein-Rhône-Kanal und folgen ihm so gut es geht, um uns einigermaßen unbehelligt vom Verkehrsgeschehen der elsässischen Metropole durchzumogeln. Dem Radfahrer wird in dieser Stadt nichts geschenkt. Meine Vermutung erweist sich als richtig: auch jenseits der Stadt verläuft entlang des Kanals ein Radweg. Die Strecke ist flach und solange das Kommunikationsbedürfnis nicht überhand nimmt ziehen wir uns gegenseitig in südwestliche Richtung, fast auf der Luftlinie in Richtung Bordeaux. Um 12.15 h huschen wir noch schnell in eine alimentation, ehe hinter uns die Rollladen herunter gelassen werden. Eingedeckt mit dem Nötigsten lassen wir es nochmals laufen, Bertram möchte vor dem Mittagessen die 100 Kilometer voll machen - zu meinem Leidwesen. Irgendwann mutiert das bis dahin asphaltierte Sträßchen in einen holprigen Waldweg, was den leeren Magen durchrüttelt und das Mittagessen weiter hinauszögert.

Endlich: das erste französische Baguette, Zwiebeln, Knoblauch, Käse. Von unserer Bank aus beobachten wir das Treiben an der Kanalschleuse auf der Höhe von Montreux-le-Vieux. Luxusyachten von offensichtlich begüterten Freizeitkapitänen legen gegenüber an. Die beiden Schleusenwärter sind raue Kerle, geübt im Umgang mit den dicken Tauen, geben sich geschäftig. Sie sind möglicherweise auf Trinkgelder angewiesen. Wie schlägt man wohl auf so einem Kahn seine Zeit tot?

Eine kurze Siesta und weiter geht's. Wir verlassen das Kanalufer, fahren auf Nebenstrecken bis Montbéliard, einmal quer durch die Stadt und den Doubs lang, der hier allerdings in die verkehrte Richtung fließt. Halt! Kein Fluss der Welt fließt bergauf, ich folgere daraus, dass wir uns am falschen Ende der Stadt befinden. Also nochmals quer durch und ab auf die N 463. So kann man seine Zeit auch totschlagen... Auch mit dem Überstreifen der Überschuhe, weil es anfängt zu regnen, und dem Ausziehen derselbigen, weil der Himmel es sich anders überlegt hat. Ein zauberhaftes Sträßchen bringt uns über Etouvans nach L'Isle-sur-le-Doubs. Es ist halb sieben, Zeit, fürs Abendessen einzukaufen: ein halbes Kilo Spaghetti, Soße, Gemüse, 2 Dosen Bier, 1 Flasche Wein. Nur wer den ganzen Tag im Sattel verbringt, kennt das Glücksgefühl, wenn die Packtaschen prall sind vom Futter.

am DoubsNoch aber sitzen wir nicht vor dem Zelt. Unser Vorhaben, einen Radweg entlang des Doubs zu suchen, geben wir auf, als wir in einer Sackgasse landen. Angesichts der vorgerückten Stunde entscheiden wir uns für die Route Nationale und sind sehr erstaunt über das geringe Verkehrsaufkommen. Der Franzose liebt sein Abendessen und hat wohl Besseres zu tun, als seine Zeit auf Landstraßen zu vergeuden, wenn die Stunde des Aperitifs geschlagen hat. In Clerval ist es noch zu früh, auf den Campingplatz zu gehen, in Baume-les-Dames zögern wir: noch ist die 200-km-Marke nicht erreicht. Es geht auf 21 h zu, Besançon liegt noch 30 Kilometer vor uns. Wir setzen unseren Weg fort. Mein Kompagnon hält, was ich mir von ihm erhofft habe - manch anderer wäre an diesem Punkt wohl schwach geworden...

Es werden rauschende Kilometer, wir sind trotz Müdigkeit, Dunkelheit und Gepäck kaum mehr als eine Stunde unterwegs. Am Ortseingang von Besançon übersehen wir im Schein unserer Lampen fast die Einfahrt zum Campingplatz. Der Rest sollte in den nächsten Tagen Routine werden: Bierdose aufreißen, Zelte aufstellen, duschen, Wein entkorken, kochen, ein Pfund Spaghetti essen, Zähne putzen, schlafen. Und während im Halbschlaf der Magen die Pasta verdaut, verdaut das Gehirn die Bilder des Tages.


Strecke

212 km

Zeit

10h

Schnitt

21,2km/h

 

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