Wege mit dem Rad

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Torcy- Deux-Chaises

Mittwoch, 11. September 2002 Torcy - Deux-Chaises

Das Gras und die Zelte sind noch feucht, als wir uns gegen 7 Uhr dem neuen Tag stellen. Wie gestern stammen die Zutaten zum Frühstück vom Vortag, was die Brotqualität zwar mindert, aber die Zeit bis zur Abfahrt verkürzt. Die Herausforderung einer solchen Tour besteht nicht zuletzt darin, seine Ansprüche auf die wichtigsten Dinge zu beschränken. Was mir schwer fällt, wenn es um frisches Baguette geht.

Barrage de la SormeAls wir die dritte Etappe in Angriff nehmen, ist es sonnig, aber immer noch frisch. Ich rechne mit deutlich steigenden Temperaturen, muss mir aber nach 15 Kilometern eingestehen, dass ich mit meiner kurzen Hose deutlich zu optimistisch gekleidet bin, und ziehe mir Beinlinge über, weil ich ein leichtes Ziepen im Knie zu verspüren glaube. Dieser leichte Schmerz beginnt mich zu beunruhigen, im Wissen darum, dass der Ausgang dieser Tour vom Wohlwollen meiner Kniegelenke abhängt, die mir vor Jahren schon einmal einen bösen Streich gespielt hatten, von dem ich mich lange Zeit nicht erholte.

Bald schon nötige ich Bertram zu einer weiteren Rast, ziehe mir eine knielange Hose an und die Beinlinge darunter. Ich bin genervt - von meinen Knien, vom Wetter, das einfach nicht warm werden will, vom Umstand, dass wir noch deutlich mehr als die Hälfte vor uns haben, obwohl wir die letzten zwei Tage bis zur Erschöpfung gefahren sind. Mir kommen Zweifel an der Richtigkeit der berechneten Kilometerzahl, vier Tage für diese Strecke scheinen mir nun jedenfalls utopisch. Ich fahre in kleinen Gängen weiter, um die Knie zu schonen.

Im CharolaisDie Region ist ausgesprochen ländlich, seit wir die in der Ferne aufragenden Schlote der Kohlekraftwerke von Monceau-les-Mines hinter uns gelassen haben. Typisch für diese Gegend sind die Viehweiden, allseits eingefasst von Gebüsch - ein riesiges, anarchisches Schachbrett in Grün. Weiße Charolais-Rinder säumen links und rechts den Weg, dazu bestimmt, in absehbarer Zeit als Beefsteak oder ähnliches auf den Tellern der Menschheit zu landen - die Bauernopfer im Spiel. Wir queren Toulon-sur-Arroux, Gueugnon und Bourbon-Lancy, wo ich uns fünf lange Kilometer in die falsche Richtung der D 973 schicke. Statt von links kommt die Sonne - oder das wenige, was davon noch am Himmel hängt - von hinten; darüber hinaus gibt es in dieser Gegend nur wenig Orientierungshilfen. Heute ist jedenfalls definitiv nicht mein Tag.

Zurück in Bourbon-Lancy legen wir Mittagspause ein, ich habe keine Lust mehr weiterzufahren. Zu allem Überfluss beginnt es am Ende der Rast zu regnen. Meine Stimmung ist am Boden. Bertram nimmt's gelassen. Was bleibt auch anderes übrig, als Regenjacke und Überschuhe anzuziehen, den Rest unseres Urlaubs werden wir kaum in diesem Nest verbringen... Mit bald nachlassendem Regen steigt auch meine Stimmung wieder etwas. Wir halten nochmals knapp 30 Kilometer durch, dann folgt der nächste Stopp in Neuilly-le-Réal, nachdem uns auch zwischendurch ein kurzer Schauer zwang, uns unter dem Eingangsportal eines weitläufigen Anwesens unterzustellen. In Neuilly kaufen wir vorsichtshalber für den Abend ein und für sofort einen Satz Bananen und Müsliriegel. Beim Verstauen der Einkäufe kommt der nächste Regenguss. Ich gehe nochmals in den Laden, besorge uns zwei Bier. Ich habe die Nase voll. Wir setzen uns in das Bushäuschen auf der anderen Straßenseite. Der Regen trommelt auf das Dach und wir wissen, dass wir nun am Tiefpunkt der Tour angelangt sind. Wir warten, bis der Platzregen vorbei ist, und schütten die Reste aus den Dosen in den Rinnstein, ehe wir uns erneut auf die nassen Räder schwingen. Ich versuche, wieder in jenen Rhythmus zu kommen, der die endlosen Kilometer zu Freunden werden lässt, die man begrüßt und nicht in erster Linie hinter sich wissen möchte.

Eine Tankstelle zum Nachfüllen von Benzin für den Kocher suchen wir in Neuilly-le-Réal vergebens, gut zehn Kilometer weiter soll es eine geben. Wir bewegen uns hier in der tiefsten Provinz, la France profonde ; dies erspart uns aber die Fahrt auf den großen Verkehrsachsen. In Ferte-Hauterive gibt es tatsächlich eine recht einsam dastehende Zapfsäule. Ihre Besitzerin schaut uns mürrisch an, als ich ihr meinen Wunsch darlege: le plain, s'il vous plaît! - volltanken bitte! Ich halte ihr die Benzinflasche hin, bediene mich schlussendlich jedoch selbst. Sie steckt wortlos den Euro weg und verschwindet wieder in ihrem Büro. Wir sind mit allem Nötigen versorgt, können den Abend ganz dem inneren Drang, voranzukommen, widmen, bis uns irgendwo einer der wenigen Campingplätze dieser Gegend zum Bleiben verleiten wird. Nasse Wiesen säumen den groben Asphalt der Nebenstraßen, die Luft ist feucht und kühl. Eine knappe Stunde später tauchen an einer einsamen Kreuzung in der Tat vielversprechende Schilder auf, fünf Kilometer später finden wir uns in Deux-Chaises auf einem kleinen Camping municipal wieder, wo außer uns nur ein sympathisches Schweizer Ehepaar in einem Kastenwagen logiert. Auch die Übernachtungsgebühr von wenigen Euros ist sympathisch, die abendliche Flasche Wein tut ein Übriges, die Stimmung wieder auf ein Normalmaß zu heben.


Strecke

160 km

Zeit

7:40 h

Schnitt

20,8 km/h

 

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