Wege mit dem Rad

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Freiburg-Leutkirch

Sonntag, 24. August 2008    Freiburg - Leutkirch

| Strecke |
Ist Pässefahren eine Sucht? Vielleicht sogar behandlungsbedürftig? Kaum zeichnen sich am Horizont ein paar freie Tage ab, wird der Geist unruhig. Habe ich diesen Sommer noch nicht bis zur Neige ausgekostet? Hege ich insgeheim die Hoffnung, irgendwo jenseits der Niederungen warte etwas Gasketische Mobilität: meine Hecktasche für Zelt, Isomatte, Schlafsackroßes auf mich? Freiheit? Ein gewagtes Wort. Belassen wir es lieber bei: ein bisschen Frischluft...

Ob ich wirklich in die Alpen fahre, steht bei meiner Abfahrt am späten Sonntagmorgen noch in den Sternen. Zunächst ist ein Verwandtenbesuch im Allgäu geplant, überfällig, will mir scheinen, und ein guter Vorwand, mich schon mal an die Alpenregion heranzutasten und Gewohntes und Alltägliches in den Tieflagen des Breisgaus hinter mir zu lassen. Das Vergnügen des Anstiegs zum Thurner teile ich mit mit ein paar jungen Leuten auf Rennrädern. Für Ende August ist es reichlich kühl, aber mit dem Sonnenstand steigen auch die Temperaturen.

In Sachen Gepäck beschränke ich mich auf das Allernötigste: ein Leichtzelt, das Vaude Refuge, dazu ein der Hegau mit seinen VulkankegelnSommerschlafsack - beide wiegen je 800 Gramm - eine kurze Therm-a-Rest-Matte, eine Zeltunterlage. Diese vier Dinge finden - plus einem Fleece - Platz in der Hecktasche. Eine Garnitur Klamotten für abends habe in der Lenkertasche untergebracht. Waschzeug, Landkarten. Punkt. Damit lässt sich der Thurner leichtfüßig meistern.

Es gibt viele enge Täler im Schwarzwald, die nichts für klaustrophobe Naturen sind - das Langenordnachtal, in das ich nun, einmal auf den Höhen des Thurners angelangt, einbiege, ist mit seiner Weite eine Wohltat für das Auge. Eine Wohltat, die mit einem giftigen Anstieg nach Schwärzenbach bezahlt werden will. Rückenwind schiebt mich durch die Baar, eine dünn besiedelte Hochebene mit kalten Wintern. Ab Geisingen folge ich dem Donauradweg. Etliche Radwanderer sind mit mir auf der Strecke, meist in gemütlichem Tempo. Man grüßt sich und es kommt zu keinen Staus. Ein angenehmes RolleAllgäuidylln.

Ab Immendingen tauche ich ein in die tiefe Provinz. Aber gibt es die in diesen Zeiten überhaupt noch, wo durch Fernsehen und Internet Lebensstile gleichgeschaltet werden? Man kann es sehen wie man will: dieses Oberschwaben hat dennoch einen eigenen sympathisch provinziellen Charakter. Mit zunehmender Nähe zum Allgäu geht dieser in eine geradezu pittoreske Anmut über. Zuviel des Überschwangs? Nicht dort, wo man sich abseits der Verkehrsachsen bewegt, zwischen den weit verstreuten Gehöften in den Senken der sanften Hügel. Bewegt man sich bis Bad Waldsee noch zwischen Getreidefeldern und Obstplantagen, so wird man im Allgäu ganz friedfertig vor lauter Grün: Weiden mit Kühen, Wälder; Apfelbäume entlang der schmalen Straßen, deren Früchte zumeist ein Aschenputteldasein führen und allenfalls für der Ellrazhofer WeiherSaft oder Most Verwendung finden. Trotzdem werde ich zum Apfeldieb. Eintürnen, Immenried, Stegrot - nie hat man von diesen Weilern gehört und das ist gut so. Der Ellrazhofer Weiher mit seinem Blaugrün. Grün in allen Schattierungen.

Am Ende meiner Etappe steht ein Vorrort von Leutkirch, an den Hang geschmiegt, mit Blick auf die Nagelfluhkette, einem Teil der bayerischen Alpen. Da stehen sie also vor mir - schneefrei zu dieser Jahreszeit. Geschwungene Silhouetten im Abendlicht.

Hatte ich mich den ganzen Tag über mit zwei Stück Kuchen, etwas Obst, einem Schokoriegel und der Einsamkeit des Langstreckenradlers begnügt, so werde ich dafür nun entschädigt mit Allgäuer Spezialitäten - Krautkrapfen und Weizenbier - und Gesprächen, die man am Telefon so nicht führen kann oder will. Es tut gut, von Zeit zu Zeit mal wieder die Seinen zu treffen. Ob ich morgen weiterfahre? Ich lasse es mir offen.


Strecke:

201 km

Zeit:

8:00 h

Schnitt:

25,1 km/h

Höhendifferenz:

1938

 

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