Wege mit dem Rad

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Leutkirch-Imst

Montag, 25. August 2008     Leutkirch - Imst

| Strecke |
Ich habe lange geschlafen an diesem Morgen und als ich aufwache hängen graue Regenwolken vor dem Fenster und die Straßen sind nass. So hält sich die Versuchung, meine Reise in Richtung Alpen fortzusetzen in Grenzen. Erst zum späten Vormittag hin zeigt der Himmel Lücken und ich spüre, dass es Zeit wird, mich zu verabschieden. Bis zum Mittagessen bleibe ich aber gerne noch.

Blick zurück vom OberjochMittags um zwei Uhr sitze ich wieder auf meinem Rad. Es geschieht aus freien Stücken, aber auch auf einen inneren Drang hin, dem nachzugeben weniger Mühe macht, als ihm zu widerstehen. Seit langem schon glaube ich, den Ruf des Timmelsjochs aus dem Österreichischen zu vernehmen. Und so fahre ich auf Wirtschaftswegen in Richtung Isny, weiter über Missen nach Immenstadt. Lasse den Alpsee zu meiner Rechten. Die Gegend wird zunehmend bayerischer. Woran man das sieht? Man spürt es. Blau-weiße Schwingungen im Äther sozusagen. Die Berge rücken näher, der Günten mit seinen 1738 Meterndie Abfahrt vom Gaichtpass setzt ein deutliches Zeichen.

Mit Immenststadt verlasse ich eine der touristischen Hochburgen des Allgäus. Entsprechend herrscht entlang der Iller reger Verkehr und so suche ich mir einen kleinen Weg über Burgberg nach Sonthofen, dem nächsten Touristenzentrum. Hätte ich Bedarf an Wanderutensilien, zahllose Geschäfte stünden mir hier zur Verfügung. Aber mir fehlt es an nichts.

Der Oberjochpass wird erst ab Bad Hindelang schön zu befahren: der Verkehr lässt nach und die Serpentinen machen mir bewusst, dass mit dieser Kletterpartie das Tor zu dim Lechtalen Alpen aufgestoßen wird. Bis auf 1136 Meter schlängelt sich die Straße. Oben fahre ich an ausladenden Parkplätzen und raumgreifenden Hotels vorbei, die nun im Sommer etwas verlassen wirken, im Winter aber wohl ausgelastet sind. Erstaunlicherweise bin ich der einzige in Rennradkluft. Verstreut tummeln sich ein paar Mountainbiker im Gelände. Ein paar Meter weiter und die österreichische Landesgrenze ist erreicht. Kein Zollhaus und kein Zöllner weit und breit. So ist es recht.

Eine kurze Abfahrt nach Schattwald und hinein geht es ins Tannheimer Tal, ein Hochtal auf etwa 1000 Metern Höhe. Es hat deutlich abgekühlt. Vorbei am Haldensee, durch Nesselwängle durch, um nicht die Umgehungsstraße zu benützen. Dann die feine Abfahrt den Gaichtpass hinunter nach Weißenbach am Lech. Für meine Begriffe beginnt hier das Tiroler Land.

Fast die ganze Strecke in Richtung Osten hatte ich Rückenwind. Und nun geht es südwestlich und wieder bläst mich der Wind durchs Lechtal und verjagt die letzten Widerstände in mir. Alleine zu reisen ist anders als in Gesellschaft zu verreisen: in irgendeiner Gehirnwindung schlummert immer auch der Gedanke an Zuhause wie eine intime Fessel, die sich nicht abstreifen lässt. Knapp 20 Kilometer rausche ich dieses breite Flusstal entlang in dAbfahrt vom Hahntennjochen Abend hinein. Hatte ich damit gerechnet, heute noch über Imst hinaus ins Ötztal zu kommen, so wird mir nun klar, dass ich trotz der günstigen Windverhältnisse in Imst nächtigen werde. Bis dorthin steht mir noch das Hahntennjoch im Weg. Nach meiner ersten Tour ins Vinschgau hatte ich es als alpines Vorspiel abgespeichert, doch nun entpuppt es sich als veritabler Pass mit fast 1000 Metern Höhendifferenz. Wie sehr die Erinnerung trügen kann. Steile Rampen wechseln ab mit moderaten Stücken und Senken - unmöglich, einen Rhythmus zu finden. Nach dem Abzweig in Richtung Boden ein paar heftige Serpentinen, mein Computer zeigt 17% an und ich halte das nicht für übertrieben.

Oben herrscht fast königliche Ruhe. Ein Wohnmobil, zwei, drei Autos, die durchrauschen, ein Paar auf dem Motorrad. Ein anderes Paar, das neben dem Auto zu stummer Musik Tanzfiguren ausführt. auf dem Campingplatz in ImstSie umarmen sich, dann steigen sie wieder ein. Sie machen einen sehr glücklichen Eindruck. Ich setze mich auf eine Bank, lasse die Ruhe und die Abendstimmung auf mich wirken.

Von hier oben aus gesehen werde ich, kaum dass ich wieder auf dem Rad sitze, mit dem schmalen Band, das sich den Hang entlang in die Tiefe zieht, im Nu verschmolzen sein.

Imst erreiche ich um zwanzig Uhr. Zu spät, um noch etwas einzukaufen. Mir bleibt noch Essbares im Lenkerbeutel und Bier besorge ich mir in einem Stehimbiss. Dann stelle ich mein Zelt in eine ruhige Ecke des Campingplatzes. Ich habe nur eine Zeltstange dabei. Auf der anderen Seite behelfe ich mir mit einem Haken, den ich in einen Baum schraube, und schon habe ich aus 800 Gramm Nylon mein kleines Heim errichtet. Aus den Vorzelten dringen gedämpfte Stimmen zu mir herüber. Der Abend ist kühl, aber ich verbringe eine angenehme Stunde mit Essen, Notizen Machen und Kartenstudium, ehe ich mich ins Zelt verziehe.


Strecke:

141 km

Zeit:

6:05 h

Schnitt:

23,1 km/h

Höhendifferenz:

1872 m

 

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