Wege mit dem Rad

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Lamalou-Chalabre

Mittwoch, 27. Juni 2007 Lamalou - Chalabre

Meine Freunde haben furchterregende Namen: Peyresourde, Tourmalet, Aubisque. Sie sind nicht wirklich meine Freunde, aber ich bin mit ihnen doch soweit bekannt, dass ich mir einreden kann, der Weg zu ihnen lohne sich. Dass ich jedenfalls genug Motivation aufbringe, morgens um sechs Uhr den Wagenburglern kampflos die letzte Bastion der Freiheit zu überlassen, und mein Terrain lautlos räume.

auf der D 908 Missmutig lege ich in der Rezeption meine 12 € auf die Theke. Ich habe eine gewisse Eile, Lamalou-les-Bains hinter mir zu lassen, so als hätte ich eben eine Schlacht verloren. Siebzehn Grad zeigt das Thermometer, nach dem ersten Kilometer streife ich mir Arm- und Beinlinge über. Das Wetter, das Wetter: ich bin ihm ausgesetzt, von seinen Launen abhängig: von den Wolkenfetzen, die mir die Sonne verdecken, vom Wind, der danach trachtet, mich dorthin zurückzublasen, wo ich herkomme. Diese Prüfung aber bin ich meinen Freunden an der spanischen Grenze schuldig. Die Ruhe und das friedvolle Grün entlang der D 908 bis St. Pons-de-Thomière stehen im Gegensatz zu diesem tief gebeugten Wanderer auf ihr, der allein aus dem Unmut des Augenblicks heraus weiterzieht mit einer Art Restless-legs-Syndrom. In Corniou biege ich in die Avenue Minervois ein und ein Hauch von Frieden hält in mir Einzug: ein breiter Sonnenstrahl tätschelt mir das Gesicht und eine plötzliche Windböe treibt mich hoch zum Col de Serrières. Diese Freundlichkeiten währen nur kurz, bald ist wieder alles beim Alten und eine halbe Stunde später noch viel schlimmer: auf dem Roc Suzadou schlägt mir peitschender Regen ins Gesicht.die Auffahrt zum Col de Serrières Verbliebene vierzehn Grad ziehen mir den Saft aus dem Leib. Ich bin auf 720 Metern, am Rande der Montagne Noire, einem Gebirgszug, der berüchtigt ist wegen seines garstigen Klimas. Sage nicht, du hättest es nicht gewusst... So füge ich mich denn, halte am Lenker und an dem bisschen inneren Frieden fest, der mir noch verblieben ist, steuere mein Rad in eine kleine holprige Nebenstraße, die mir abenteuerlich genug und durchaus zum Wetter passend erscheint. Meine Kleider triefen, ich habe nichts zu verlieren. Roc SuzadouDer Col de la Salette, 886 Meter hoch, leitet eine bescheidene Wende ein. Ich verlasse das Departement Tarn und befinde mich ab sofort im Departement Aude mit seiner Präfektur Carcassonne. Dorthin soll's gehen. Als ich um halb vier in Carcassonne eintreffe, habe ich eine feine Abfahrt entlang des Flüsschens Argent-Double hinter mir, ein Picknick in der Sonne mit Käse und Oliven im Flusstal und ein Mittagschläfchen vor den Toren der Stadt. Und das dringende Bedürfnis, mich am Bahnhof nach einem Zug zu erkundigen: einen Zug, mit dem ich die Pyrenäen und meine ganze Planung kurzerhand vom Tisch wischen könnte, um per TGV direkt nach Bordeaux zu fahren, dem zweiten Zwischenziel dieser Reise. Diesen Zug gibt es, eine halbe Stunde später würde er mich von hier wegbringen. Aber ich bringe es nicht übers Herz, meine Route aufzukündigen. Also kniee ich mich wieder in mein Projekt rein, trotze dem Gegenwind und halte mit einer Portion Fatalismus auf Limoux zu. Bienvenu les cyclistes! steht auf einem Banner am Ortseingang. Das ist ja schon mal was. Tatsächlich sehe ich zwei Radsportler auf der Straße, den ganzen Tag über haben sie sich sehr rar gemacht. In einem Geschäft im Zentrum kaufe ich ein, frage nach dem Wetter. Blick übers Departement AudeNoch zwei Tage soll's so bleiben, zum Samstag wird's besser, sagt der junge Kassierer, und fügt hinzu: C'est affreux! Die Dame vor mir pflichtet ihm bei. Und in Italien hat es 45 Grad! fährt er fort, forty-five!

wiederholt er auf englisch, lässt vor lauter Empörung fast mein Zeug aufs Band fallen und zeigt mir erst vier, dann fünf Finger. Fürwahr, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Ich vermisse in Limoux ein Hinweisschild auf einen Campingplatz. Harry GraatSo verarbeite ich vor dem Abendessen noch etliche Höhenmeter, was in dieser kuppierten Vorgebirgslandschaft kein großes Problem ist, und bin ganz zufrieden, in Chalabre, 40 Kilometer weiter, einen Campingplatz vorzufinden. Umso mehr, als ich sehe, dass auf dem Platz nichts weiter steht als ein kleines Zelt und daneben ein Rad.Harry Graat ist ein äußerst liebenswürdiger Holländer, und es ist eine Freude, ihn kennenzulernen. Er befindet sich - bereits zum zweiten Mal - auf der Tour des 100 Cols, der hundert Pässe-Tour quer durch Frankreich - "die schwerste und schönste Tour der Welt". Wir teilen ein, zwei Becher Wein miteinander und viel gäbe es noch zu erzählen, aber Harry geht früh schlafen, da er gegen sechs Uhr morgens aufbrechen will. Es ist sehr still, als ich mich ins Zelt lege. Der Wind hat sich gelegt. Auch in meinem Kopf herrscht heute abend Windstille, endlich. Das Departement meiner Freunde, die Ariège, ist nur noch einen Steinwurf entfernt von hier. Eine gewisse Vorfreude auf morgen kann ich nicht mehr leugnen.


Strecke:

153 km

Zeit:

7:25 h

Schnitt:

20,6 km/h

Höhendifferenz:

1792 m

 

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