Wege mit dem Rad

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St.Sauveur-St.Sever-Cadillac

Sonntag, 1. Juli 2007 St. Sever - Cadillac

Mein letzter Tag auf dem Rad vor zwei geplanten Ruhetagen. Zeitig am morgen bin ich zurück auf der Straße in Richtung Mont-de-Marsan, der Präfektur des Departements Landes. Die Innenstadt selbst ist zu dieser frühen Stunde fast ausgestorben. Eine abgetakelte Frau geht mich um Geld an; sicher ihre ersten Worte an diesem Morgen. Eine lange Gerade, die mich aus der Stadt führt, ein paar frühe Sonntagsausflügler in ihren Autos, ein Jogger, dann wird es sehr einsam. Grauer Himmel füllt den Raum zwischen den Baumkronen.

die LandesDie Landes sind eine eigenartige Gegend. Topfeben. Wald, Farn, riesige Maisfelder. Und Straßen, die bolzengerade in die Landschaft geschnitten sind. Wird man von einem Auto überholt, so kann man es minutenlang verfolgen, bis es sich am Horizont als winziger Punkt auflöst. Ich muss an das Grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel denken: der Wald hat etwas Gespenstisches an sich. Meist ist man mutterseelenallein auf dem grauen Asphalt, umringt von haushohen Pinien oder Platanen.

Ein Schild weist zu einem Deutschen Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg. Was für arme Teufel, hier vor die Hunde zu gehen... Für nichts als den Wahn einiger weniger, damals wie heute. Wäre der Friedhof auf meinem Weg gelegen, gerne hätte ich ihnen einen Besuch abgestattet, damit überhaupt jemand an sie denkt. Aber ich fahre schnurstracks weiter Richtung Norden. Geradeaus, ein, zwei Kurven, dann wieder schnurstracks geradeaus. Der Westwind verfängt sich in den riesigen Wäldern und wird ausgebremst.

Am Streckenrand stehen regelmäßig Kilometersteine; ideal, um Messreihen hinsichtlich der Exaktheit der Tachoeinstellung zu erstellen. Ich stelle fest, dass ich meinen Reifenumfang um 1,5 % zu hoch angesetzt habe und nun meine ganzen Werte nach unten korrigieren muss. Ein herber Verlust...

Vereinzelt passiere ich ein paar versteckte Häuser, ein paar leergefegte Straßendörfer. Wie es sein mag, hier zu leben? Wenn ich mich recht erinnere, haben die Landes eine der höchsten Alkoholikerraten aller französischen Departements. Kein Wunder.

Knapp einhundert Kilometer habe ich auf diese Weise zurückzulegen. Mal ist der Asphalt glatt, mal rau. Es gab einst ein Lied von Kris Kristofferson, das will mir heute nicht aus dem Kopf: Sunday mornin' comin' down. Darin heißt eine Zeile: 'Cause there's something in the sunday, makes a body feel alone...

So rausche ich durch die Einsamkeit dieser Weiten.

CadillacKurz vor zwölf lege ich in Villandraut, dreißig Kilometer vor meinem Ziel, einen Stopp ein, um ein kleines Gastgeschenk für meinen alten Freund Didier zu besorgen. Dann kündige ich ihm telefonisch meine nahe Ankunft an. Er drängt mich, Tempo zu machen, da er auswärts zum Mittagessen eingeladen ist, und mich gerne mitnehmen möchte. Und schon geht die Hektik wieder los...

Ich freue mich sehr darauf, nach einer Woche ohne Begleitung wieder bekannte Gesichter zu sehen. Schon als ich bei Cadillac über die Garonne fahre, werde ich ganz wehmütig. Cadillac ist so etwas wie ein Baustein meines Lebens. Ohne meinen alten Freund, der hier in der Gegend wohnt, wäre vieles in meiner Geschichte anders verlaufen.

Wie viele Jahre war ich schon nicht mehr hier? Lange genug jedenfalls, um auf den letzten Kilometern, die durch kleinste Winzerorte führen, den richtigen Abzweig zu verpassen.

zu GastKurz nach ein Uhr fahre ich verschwitzt über den knirschenden Kies vor jenem Haus, wo nun auch ich zum Essen eingeladen bin. Umarmungen. Und - vite, vite - auf die Terrasse, der Apéritif ist schon eingeschenkt.

Zum Kaffee besuchen wir ein altes Ehepaar in der Nachbarschaft. Er erzählt bei dieser Gelegenheit, dass er in den Fünfziger Jahren bei fünf Austragungen der Tour auf dem Motorrad als Fotograf auf der Strecke war. Er kommt ins Schwelgen, und einen Fahrername nach dem andern wirft er andächtig in die gemütliche Stube und wundert sich, dass ich so wenige davon kenne. Bis ihn seine Frau darauf aufmerksam macht, dass dies ja nun auch über fünfzig Jahre zurückliege...

Wir haben Zeit, viel, viel Zeit. Das ist es, was ich genieße: Das langsame Tropfen der Zeit. Für heute habe ich kein Ziel mehr, auch nicht für morgen und nicht für übermorgen.


Strecke:

125 km

Zeit:

4:45 h

Schnitt:

26,3 km/h

Höhendifferenz:

384 m

 

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