Wege mit dem Rad

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Tiefencastel-Lindau

Abtritt
Sonntag, 13. Juni 2004 Tiefencastel - Lindau

Ich bin der erste Gast im Frühstücksraum.

Kurz darauf gesellen sich drei junge Herren an den Nebentisch, Motorradfahrer wie sich herausstellt. Ich erfahre dabei, dass das Stilfser Joch vor drei Tagen noch gesperrt war, Surava im Albulatal offensichtlich war mein Timing optimal. Mit dem Rad dort hochzufahren, sei doch wohl recht anstrengend, meint der eine. Den meisten Leuten fällt zu diesem Thema nichts anderes ein. Das einzige, was anstrengend ist, sind die vielen Motorräder, möchte ich sagen, und dass Rollstuhlfahren - bedenkt man die vielen Motorradunfälle - auch kein Zuckerschlecken ist. Dies kommt mir aber erst viel zu spät. Statt dessen bemerke ich freundlich, dass Radfahren in Holland eben nicht jeden begeistert.

Mit dem Schümlikaffee serviert die Bedienung auch die Wetterprognose: Schneefall bis 2300 m. Damit kann ich meine Pläne, über den Oberalppass nach Andermatt weiterzufahren, definitiv ad acta legen. Ich mache es mir einfach: Lenzerheide, Chur, Lichtenstein, Lindau, und dann weitersehen.

Gleich vom Hotel weg geht es bergan, zuerst ein Stück zurück bis zur Abzweigung Richtung Lenzerheide, und immer weiter bergauf, bis ich das Hotel nur noch als winzigen Punkt im Albulatal wahrnehme. Die anfänglichen Tropfen wachsen sich schon bald zu einem ordentlichen Regen aus. Bis ichRegen, Regen, Regen... bei heftigem Gegenwind Lenzerheide erreiche, bin ich längst klatschnass. Das Thermometer zeigt sieben Grad und ich habe keinen Zweifel daran, dass in höheren Regionen Schnee fällt. Im Regen nehme ich die Abfahrt vom 1549 m hohen Lenzerheide-Pass. Zumindest bei diesem Wetter hinterlässt die Strecke wenig reizvolle Eindrücke: Funktionsbauten entlang der Straße ganz im Dienste der Skifahrer und des Mammons.

Ab Churwalden schwächt der Regen ab und im Norden zeigen sich die ersten blauen Flecken am Himmel. Chur liegt rund eintausend Meter tiefer als die Passhöhe: hier scheint die Sonne, die Temperaturen liegen bei deutlich über zehn Grad.

VaduzIch halte mich stur den Rhein lang Richtung Bodensee. Der Verlauf ist eben und flott zu bewältigen, bei wechselnden Windverhältnissen. Nur einmal noch fordert ein Anstieg Kletterqualitäten, als es hoch nach Luzisteig geht; eine schöne, waldreiche Strecke.

In Vaduz wähle ich den Radweg auf dem Rheindamm, mal bläst der Wind von vorn, mal von der Seite, aber ich komme gut voran, schiebe die Mittagsrast immer weiter hinaus, von fünfundsiebzig auf achtzig, dann auf neunzig Kilometer. Jenseits des Rheines lümmeln sich die Appenzeller Berge, aber wenn mein Blick über sie schweift, so ohne jedes Gefühl von Neugier. Irgendwie bin ich für diesmal gesättigt. Nach der Pause beginnt der Regen erneut auf mich niederzuprasseln, gerade lange genug, um mich bis auf die Haut zu am Rheindurchnässen; gerade als ich wieder einigermaßen trocken bin, setzt der Regen wieder ein - die Naturgewalten treiben ihr Spiel mit mir.

Wenige Kilometer vor dem Bodensee wird es noch einmal ernst: sintflutartige Regenschauer heben an, die Autos fahren an den Straßenrand. Es macht mir Spaß, durch die knöcheltiefen Fluten zu preschen - nässer als nass geht nicht. Und im Vergleich zu heute morgen sind die Temperaturen angenehm, fünfzehn oder sechzehn Grad. Der Verkehr von Bregenz nach Lindau ist an diesem Sonntag so, wie ich ihn von früher Jugend an kenne: Kilometerlange Staus, Auto an Auto. Was wiederum beweist, dass der Mensch nichts hinzulernt. Ich wähle den Uferradweg, genieße den Blick auf den verregneten Bodensee.

der Bodensee im RegenIn Lindau endet meine Fahrt, plötzlicher als ich selbst gedacht hatte, nach einem Anruf zuhause. Eine ernste Familienangelegenheit. Im Bahnhof habe ich gerade genug Zeit, um mir eine Fahrkarte kaufen zu können und in den Zug zu steigen, und schon schnappen die Türen hinter mir zu. Das war's.

Einmal mein Rad fest vertäut, beginne ich, die Souvenirs von der heutigen Regenfahrt, Steinchen und Glassplitter, mit dem Taschenmesser aus den Reifen herauszupfriemeln. Ich klopfe mir auf die Schulter, dass ich ein Pannenschutzband eingelegt habe und schicke ein herzliches Dankeschön zum heiligen Velozitas für unfallfreies Fahren.

Endlich setze ich mich in einen der komfortablen Sitze und bin plötzlich ein höchst durchschnittlicher Reisender, der auf die Landschaft schaut, die viel zu schnell vorbeizieht, und auf die Uhr, die viel zu langsam tickt. Mit einem Unterschied: auf meinen Knien liegt kein Journal. Ich habe meinen Bildband im Kopf.


Strecke

135 km

Fahrzeit

5:36 h

Schnitt

24,0 km/h

Höhenmeter

935

 

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