Wege mit dem Rad

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Freiburg-Thun

Montag, 21. Mai 2007 Freiburg - Thun

Es ist so einfach, aus dieser harten Welt zu fliehen: Man besorgt sich, am schnellsten per Mausklick, ein Flugticket, lässt sich einmal durch die große Waschmaschine wirbeln, und, wenige Stunden später befindet man sich an Orten, deren Attraktionen den Darstellungen auf den Hochglanzprospekten zum Verwechseln ähnlich sind.

"Kleine Fluchten", B-Version: Das Set ist simpel, wie immer: ein Reiserad mit Gepäck - Gesamtgewicht 25 kg - und einen Freiwilligen, der bereit ist, vier Tage lang in die Pedale zu treten. Weder Reiseführer noch Hotelbuchungsbestätigung in den Taschen, lediglich eine Generalkarte Westschweiz, ohne Schutzumschlag, aus Gewichtsgründen. Das Ziel dieses Reisens: der nächste Kilometer, der sich wie Kaugummi ziehen kann oder kurz scheint wie ein Wimpernschlag, den man sich mit stoischer Gleichgültigkeit einverleibt, den man zu hassen beginnt oder nicht mehr loslassen möchte. Die Belohnung am Ende: ein Körper, ausgemergelt zwar, aber in dessen Fasern sich Hunderte von Kilometern angereichert haben. Die Grenzen werden gesetzt durch die Tagesform und den Sonnenstand. Gegen halb zwölf - nach knapp drei Stunden Fahrt - ist Basel erreicht. Der Reisende steuert den Schweizer Bahnhof an, von wo aus alle Radrouten ihren Anfang nehmen. Auf irgendeinem dieser kleinen, roten Schild steht Laufen, vorläufig die passende Richtung. Es geht im Zickzack durch die Stadt. Wo Schilder fehlen, hilft der Instinkt und die Sonne, die im Süden steht, und den Fliehenden, wenn alles seine Richtigkeit hat, frontal ins Gesicht brennt.

Hier beginnt der gefühlte Start der Tour - außerhalb jenes Bereichs, den eine Trainingsrunde noch abdeckt. Pause am PasswangBei Zwingen biege ich von der Nationalstraße links ab Richtung Breitenbach. Es wird ruhig. Ein Brunnen spendet kaltes Wasser gegen die Mittagshitze, ehe der Anstieg hoch zum Passwang beginnt. Schattig und flach, zunächst, und der Radler ist sehr zufrieden mit der Streckenwahl. Dann dieses Schild: Höhendifferenz 300 m auf 3,5 km. Die Zeit für ein erstes Päuschen scheint gekommen... die Passhöhe

Der Passwang: 946 Meter über NN, kein gewaltiger Berg, aber eine erste Zäsur. Hat man erst die andere Seite der Tunnelröhre auf der Passhöhe erreicht, lockt die Abfahrt, die einen schon mitten in die Schweiz katapultiert. Im Nu kreuzt man die Aare bei Wiedlisbach, dem Startort für den Schweizer 600-km-Marathon, steuert durch Herzogenbuchsee, hält sich bei Thörigen rechts und weiß Bern plötzlich nur noch eine gute Radstunde entfernt.

Mit voranschreitendem Nachmittag wird es drückend schwül. Mein Schweiß tropft fast im Sekundentakt aufs Oberrohr. Entgegen den Richtlinien für eine erholsame Urlaubsgestaltung schiebe ich die Mittagspause weiter und weiter hinaus. Erst nach 16 Uhr habe ich Nachsicht mit mir und lasse mich in einem Rasenstreifen am Straßenrand nieder, wenige Meter von einem schlichten Holzkreuz entfernt, frisch gezimmert. Eilig zur Seite gefegte Glassplitter neben meinem Rastplatz: Bruchstücke einer Geschichte mit tödlichem Ausgang. Schweiß rinnt in Strömen...Wolkenfelder überziehen die letzten blauen Flecken am Himmel, der Wind wird stärker, bläst mir ins Gesicht, ein Tosen, das irgendwann vom Knattern eines Mopeds übertönt wird. Darauf sitzt ein Junge mit dicken, fleischigen Armen und Beinen, der wie ein Flummi auf seinem Gefährt klebt, und Gas gibt, was das Zeug hält, um mich in einer Abfahrt zu überholen. Ich hänge mich dran und fürchte, dass das altersschwache Moped jeden Moment explodiert. Der Junge kämpft erbittert um die Vorherrschaft im Wind und er tut mir leid, während ich gleichzeitig brüllen könnte vor Lachen. Nach ein paar Kilometern biegt er ab und ich glaube, sein Moped ist genauso froh wie er selbst, dass ich ihm nicht mehr im Nacken sitze.

Mein Ziel ist Thun, und es liegt zum Greifen nahe, als der Regen einsetzt. Zunächst ein feines Nieseln, das aber bald schon zu einem ausgewachsenem Wolkenbruch wird. Knöcheltief läuft das Wasser über die Straßen. Ich finde einen Unterstand und warte das Gröbste ab. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten vielleicht, und ich sehe meine Pläne, heute abend über Thun hinauszufahren in den reißenden Fluten davonschwimmen.

Für den verbleibenden Rest wähle ich den ausgeschilderten Fernradweg nach Thun, hoffend, dass er nicht auf Schotter enden möge. Aber Zeit habe ich nun genug, da der nächste Campingplatz nach Thun 40 Kilometer weiter entfernt und 500 Meter höher liegt - zuviel für heute abend. Statt dessen besorge ich in der Stadt noch ein paar Kleinigkeiten für den Kochtopf und stelle bereits kurz nach sieben mein kleines Zelt auf. Es bleibt genügend Zeit für eine warme Dusche und ein gemütliches Abendessen am Thuner See. Mein Blick fällt immer wieder auf die Gletscherwand vor mir, die den See im Abendlicht überragt. Ich nehme mir vor, in den kommenden Tagen spätestens um sieben Uhr abends zur Vernunft zu kommen und einen Campingplatz anzusteuern. Lange sitze ich so im letzten Tageslicht und fast widerstrebt mir, mich mit der nächten Etappe zu beschäftigen. Thun bei Nacht
Blick von Thun


Strecke:

210 km

Zeit:

8:38 h

Schnitt:

24,5 km/h

Höhendifferenz:

1435 m

 

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