Wege mit dem Rad

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St.Gervais-Grandson

Mittwoch, 23. Mai 2007 Saint-Gervais - Grandson

Les Dômes des MiagesNoch einmal drehe ich mich um, ehe ich es talwärts rollen lasse: Was für ein Anblick! Das Mont-Blanc-Massiv werde ich bald schon hinter mir gelassen haben, um nach 22 weiteren Kilometern den südlichen Wendepunkt meiner Tour zu erreichen. Das ist mehr, als mir im Rahmen des Unternehmens "Kleine Fluchten" aufgetragen wurde, aber die Beine haben willig mitgespielt und selbst heute zeigen sie keine Anzeichen von Erschöpfung, trotz der fast 4000 Höhenmeter des gestrigen Tages. Da ist man geneigt, sich für einen tollen Kerl zu halten...

Dieser tolle Kerl also leitet in Flumet die Wende nortwärts ein - Flumet deswegen, weil er den Col des Aravis unbedingt noch mit ins Programm aufnehmen wollte. Der Aravis hat insofern Geschichte, als dass dieser sein allererster Alpenpass auf dem Rad war, knapp zehn Jahre mag das zurückliegen. Es beginnt ab Flumet mit einem kleinen Anstieg entlang des Tals der Arrondine. der Col des AravisUnd zwei plötzlichen Begleitern, die zu ihm aufschließen und mit knappem Gruß die Führung übernehmen. Ihm kommt's gelegen, das reißt ihn etwas aus seiner Behäbigkeit und munter kurbelnd hängt er sich an deren Hinterrad. In die folgende Senke hinein geschieht das völlig mühelos, beim Gegenanstieg hoch nach La Giettaz spielt er ein bisschen Katz und Maus mit den beiden, ehe sie davon fahren, was schließlich ihre Pflicht ist...

Oben wische ich mir den Schweiß aus der Stirn, drücke im Vorbeifahren ein paar Mal auf den Auslöser und schon befinde ich mich auf dem Weg nach La Clusaz und freue mich bereits auf den nächsten Pass danach, den Col de la Colombière. Aber die Bedenken des Patrons auf dem Campingplatz heute morgen erweisen sich auf Nachfrage im Touristikbüro von La Clusaz als begründet: der Colombière ist wegen Felsarbeiten gesperrt, für alle. Schade. Und wenig später verlasse ich dieses Retortenstädtchen, in dem ich erst nach längerem Suchen ein offenes Geschäft für meine Besorgungen finden kann.

Dann also nicht der Colombière. Ich bemerke, wie die Enttäuschung darüber etwas an meiner Moral kratzt. Statt nach Saint-Jean-de-Sixt rechts zum Pass abzubiegen, steuere ich nun Bonneville im Tal der Arve an. Obwohl die D 12 überwiegend bergab führt, erfordert es einige Anstrengung, dem Gegenwind zu trotzen. Bonneville kocht in der Mittagshitze und im mittäglichen Verkehr. Stop and Go, gereizte Fahrer, die in der Pause auf die Schnelle nach Hause wollen. Ich atme auf, als ich durch bin. Und nun stehe ich vor der Wahl: nach Westen, auf einer Flachstrecke nach Genf und weiter durch den Nachmittagsverkehr nordwärts den See entlang oder auf ruhigen Wegen über die letzte Hügelkette direkt nach Thonon und von dort mit der Fähre auf die Nordseite des Sees. Ich entscheide mich für die zweite Variante.

der Col de Cou: Blick auf den Genfer SeeDie Route erweist sich zunächst als wenig ruhig. Auf den schmalen Straßen kämpfen Berufsverkehr und Schulbusse gegeneinander und irgendwo dazwischen keuche ich in der schwülen Nachmittagssonne bergan und wieder und wieder bergan. Dann verschwindet die Sonne hinter dicken Gewitterwolken, was mir auch nicht recht ist. Ich sollte Pause machen. Die paar Kilometer bis zum See, flüstert eine Stimme in mir. Da bis zur Abfahrt der Fähre mit Wartezeit zu rechnen ist, will ich lieber in dieser Zeit pausieren. Die Strecke ist zäh und ich spüre, dass die Anstrengung der letzen Tage auf Kopf und Gliedern lastet. Endlich, der Col du Perret, ich befinde mich auf 963 Meter Höhe. Es folgt eine kleine Abfahrt, dann der Anstieg zum nächsten Pass: der Col de Cou mit seinen 1117 Metern. Damit nicht genug. Mein Wasser ist alle, mein Magen knurrt, Katerstimmung kommt auf. La tristesse des lendemains de fêtes...Das Wissen darum, dass der Genfer See nicht weit ist, hält mich aufrecht. Oben auf dem Pass begegnet mir ein Radfahrer, der mir Zeichen macht, ich solle doch anhalten und die Aussicht genießen. Mir ist nicht danach. Es kostet mich eine ganze Menge Überwindung, an einer nahegelegenen Quelle meine Flaschen zu füllen. Ich will zum See und sicher sein, dass mich eine Fähre auf die andere Seite nach Lausanne bringt. Ich will die Berge hinter mir wissen.

LausanneIn Thonon finde ich nichts, was einer Schiffsanlegestelle ähnelt. Sollte die Symbolik auf der Karte trügen? Ehe ich mich lange mit Fragen aufhalte, hefte ich mich auf die Fersen zweier Rennradler, die in Richtung Evian fahren. Von Evian aus, so viel weiß aus einer früheren Tour, gibt es eine Verbindung nach Lausanne. Es ist halb vier, und ich bin der Fahrerei wirklich überdrüssig, aber an diesem letzten Kraftakt führt nun mal kein Weg vorbei.

Evian, am Hafen: nachdem ich meine letzten 15 Euro für die Überfahrt hingeblättert habe, ist die Welt wieder in Ordnung. Eine gute halbe Stunde bis zur Abfahrt reicht fürs Mittagessen auf einer Bank an der Hafenpromenade. Dann steche ich in See. Um 16.50 Uhr setze ich meinen Fuß erneut auf Schweizer Boden. Bleierne Schwüle liegt über Lausanne. Nichts wie raus hier. Der direkte Weg nach Yverdon führt über die N 5. Einsetzender Feierabendverkehr trotz parallel verlaufender Autobahn schmälert die Freude daran, wieder im Flachen zu rollen.

Regen in CheseauxEs kommt, wie es kommen musste: in Cheseaux setzt prasselnder Regen ein, zwingt mich zunächt unter eine Bushaltestelle, bis ich auf die Idee komme, die Zeit des Wartens mit Einkaufen zu überbrücken. Mit vollen Taschen steuere ich mein Vehikel auf nassen Straßen nach Yverdon am Lac de Neuchâtel, dem Neuenburger See zu deutsch. Zwar hat es zu regnen aufgehört, aber es steht zu befürchten, dass im Himmel noch einiges auf mich wartet. Ich wechsle auf die Nordseite des Sees. Kurze Rast in Grandson zum Essenfassen. Schwarze Wolken stauen sich über dem Jura und über dem Südufer. Gerne möchte ich heute abend noch Neuchâtel erreichen. Zehn Minuten später habe ich mein Projekt begraben, als die ersten Tropfen fallen. Im selben Moment passiere ich ein Hinweisschild für einen Campingplatz am See. Ich zögere keinen Moment.

Der Besitzer, als er mir die Tür öffnet, taxiert mich einen Moment lang, schaut zum Himmel und sagt dann knapp: Scheißwetter. Für 40 Franken kann ich dir einen Wohnwagen überlassen... Für wen hält er mich, dass er glaubt, er müsse mir einen Wohnwagen andrehen? Ich hab' schon mehr als eine Regennacht im Zelt verbracht, gebe ich genauso kurz zurück, dann ist das Eis gebrochen, er schwingt sich auf sein Schweizer Militärrad und führt mich durch den Regen hindurch zu einem hübschen Platz direkt am Ufer. Besser als jeder Wohnwagen, sage ich anerkennend zu ihm. Ich beeile mich mit dem Zeltaufbau.

am Lac de NeuchâtelSpäter bin ich froh, dass ich beim Einkaufen zuletzt noch eine Dose Bier aufs Band gelegt habe. Nach dem Duschen lege mich ins Zelt und durch einen Spalt blicke ich auf den regenzerfurchten, windgepeitschten See. Bin ich glücklich? Nein. Unglücklich? Auch nicht. Ein merkwürdiger Schwebezustand. Seit Tagen habe ich mit keinem Menschen mehr als ein paar alltägliche Sätze gewechselt. Anders als ein Pilger halte ich keine Zwiesprache mit einem Gott, allenfalls - und das in unschöner Form - mit einem Autofahrer, der mich geschnitten hat. Ich wäre heiterer, könnte ich hier im Regen mein Bier mit jemandem teilen und die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Es scheint mir wie eine Ewigkeit her, dass ich in Freiburg losgefahren bin. Und dabei sind gerade mal zwei Tage vergangen seither...

 


Strecke:

177 km

Zeit:

7:49 h

Schnitt:

22,6 km/h

Höhendifferenz:

2248 m

 

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