Wege mit dem Rad

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Merlischachen-Freiburg

Donnerstag, 20. Juni 2002    Merlischachen - Freiburg

Vor dem Frühstück genehmige ich mir ein Entspannungsbad - tatsächlich fühlen sich die Muskeln trotz der Anstrengungen des gestrigen Tages recht locker an. Als ich gegen 9 Uhr zurück auf der Straße bin, zeigt das Thermometer bereits 30°C. Irrungen und Wirrungen in Luzern, die Schilder für den Radverkehr führen mich im Kreis.Luzern Ich bin froh, als ich aus der Stadt draußen bin. Städte sind auf solchen Touren Fixpunkte, die abzuhaken sind, in der Praxis bedeuten sie meist Verkehr, Hektik, Orientierungslosigkeit. Wie viel mehr genieße ich im Vergleich dazu die ruhigen Landstraßen. Beromünster, der nächste Etappenort, erinnert mich an das alte Radio meiner Eltern, wo dieser Ort auf der Senderanzeige aufgeführt war - jetzt endlich weiß ich damit etwas anzufangen. Ich teile die Strecke mit vielen Lkws und Pkws, wechsle dankbar auf Radwege, wo sie vorhanden sind. Meine Gedanken gehen zurück zu den vergangenen Tagen, ziehen über die Gipfel hinweg, die Schneefelder, die schweißtreibenden Serpentinen. In Aarau fährt mich ein 30-Tonner bei seinem Überholmanöver beinahe über den Haufen. Ich halte den Lenker fest und schicke ein Stoßgebet nach oben. Als er an mir vorbeigezogen ist, bin ich entschlossen, den Fahrer bei der nächsten roten Ampel aus dem Führerhaus zu zerren. Es kommt glücklicherweise keine rote Ampel.

Noch einmal wartet der Höhenzug zwischen Aare und Rhein auf mich. Ich kreuze auf 779m beim Salhöchi, zu dem sich eine kleine Teerstraße hochwindet, kurz und schmerzhaft. 10 Kilometer später lege ich Mittagspause ein, früher als sonst, dafür breche ich wieder schneller auf. Die Luft flimmert, Gewitterstimmung. In Gelterkinden treffe ich auf die Route des Hinwegs. Bilder werden wieder wach, Bilder, die sich wie vor einer Ewigkeit eingeprägt haben. Es ist kaum zu glauben, welch verschiede Lebensräume man mit dem Rad in so kurzer Zeit bereisen kann.

Kurz vor Basel bricht das Gewitter los. Der Himmel gibt alles. Triefend stehe ich vor einem Hauseingang, einen Eingang weiter sucht ein Radfahrer Unterschlupf, den ich wenige Minuten zuvor überholt habe; meinetwegen hätte er sich auch bei mir unterstellen können. Ortskundlich gesehen ist mir Basel stets ein Rätsel geblieben - ganz klar ist mir nicht, wie ich es geschafft habe, die Straße nach Weil am Rhein zu finden. Aber auch die Basler selbst haben wohl ein gespaltenes Verhältnis zur Geographie: als ich eine Gruppe von drei jungen Frauen nach dem Weg frage, weisen zwei davon in eine jeweils entgegengesetzte Richtung, die Dritte, die Klügste vermutlich, zuckt mit den Schultern.

In Weil besuche ich meine Tochter, wir gehen zusammen Eis essen. Sie zeigt großes Verständnis für meine Erzählungen.

Es bleiben 80 Kilometer zurück bis Freiburg, längst steht wieder die Sonne am Himmel, trocknet mir zusammen mit dem Fahrtwind Trikot und Schuhe. 80 Kilometer, die mir mit den Jahren des Radfahrens vertraut geworden sind. In meinem Rücken, im Süden, hat der Horizont längst die Berge verschluckt - und häppchenweise die Momente des Leidens, der Schmerzen in den Beinen, am Hintern, in den Handgelenken und Schultern. Was bleibt, sind die Gefühle in den Momenten des Glücks, der Triumph, diesen verrückten Traum, in vier Tagen bis in die Alpen zu fahren, Realität werden zu lassen, und der Keim einer Sehnsucht, der ganz, ganz langsam wieder neue Blüten treiben wird.


Strecke

198 km

Zeit

8:35h

Schnitt

23,0 km/h

Gesamtstrecke

679 km

 

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