Wege mit dem Rad

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200-km-Brevet

Erstes Brevet: 200 Kilometer

Mulhouse, 13. April 2003, 7.00 Uhr

Noch hatte ich keine von diesen sagenumwitterten Gestalten lebend gesehen: Randonneure, die mit dem Rad in weniger als neunzig Stunden 1200 Kilometer fahren, von Paris nach Brest und zurück. Ich hatte darüber gelesen und mich in diesen Strudel hineinziehen lassen, bis ich mich nicht mehr daraus befreien konnte. Und dann endlich war der Entschluss gereift, selbst zu einem dieser verwegenen Langstreckenfahrer zu werden, die keine Dunkelheit, keinen Regen, keine Einsamkeit, keinen Schlafentzug, keine noch so große Distanz fürchten. Man braucht dazu ein Rad, Ausdauer und den nötigen Willen. Dieser muss, so fürchte ich, eisern sein.

Im Gegensatz zu den ersten Austragungen, die bereits vor über hundert Jahren für Furore sorgten, kann heutzutage nicht jeder, der nur verrückt genug ist, in Paris antreten: zuvor müssen vier vom Audax Club Paris lizenzierte Brevets über 200, 300, 400 und 600 Kilometer Distanz absolviert werden. Erst dann erhält man die Teilnahmeberechtigung für einen der geschichtsträchtigsten Härtetests auf dem Rad, der seit 1975 alle vier Jahre stattfindet.

Die erste Hürde auf dem Weg nach Paris könnte die einfachste sein: den Mund halten, keinem etwas davon erzählen. Man könnte für sich ganz allein die zukünftigen Strapazen gedanklich vorweg nehmen, um sich darauf einzustellen, anstatt den sinnlosen Versuch zu unternehmen, unverständiges Schulterzucken zu deuten und Einwände zu widerlegen. Man könnte sich Rechtfertigungs- und Leistungsdruck entziehen. Man könnte sich ganz einfach der Magie dieser drei Worte hingeben: Paris-Brest-Paris.

die StempelkarteAn der ersten Hürde bin ich zugegebenermaßen kläglich gescheitert, zu groß war die Versuchung, mich im entscheidenden Moment aufzuplustern. Die nächste, daran hatte ich keinen Zweifel, würde ich mit Bravour bestehen: mein erstes Brevet in meiner nicht mehr ganz so jungen Laufbahn als Breitensportler. Zweihundert Kilometer innerhalb eines Zeitlimits von 13,5 Stunden, keine große Sache für einen Freund von Langstrecken. Sollte man annehmen.

Wer im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz lebt, hat die Auswahl zwischen zwei Veranstaltungsorten, um die Qualifikationen für den Showdown in Paris zu absolvieren: Rheinfelden in Deutschland und Mulhouse in Frankreich. Der Traditionalist in mir tendiert zum Mutterland des Radsports. Aus dem Dunstkreis meiner Radfreunde meldet sich ein weiterer Fall von Randonneurskrankheit bei mir. Wir einigen uns auf einen gemeinsamen Therapiebeginn am zweiten Sonntag im April um sieben Uhr in Mulhouse. Nach einer Nacht mit vielen Träumen und wenig Schlaf treffen wir uns um fünf in Freiburg, um uns bis zum Start über fünfundfünfzig Kilometer einzurollen. Blinkender Sternenhimmel, 1° C Lufttemperatur, keine Menschenseele weit und breit, perfekte Stille - ein grandioses Erlebnis. Ein Reifendurchschlag an einer Bordsteinkante beim Versuch, im Licht des Scheinwerfers auf einen Radweg einzubiegen, bringt mich zurück auf den Boden der Tatsachen.

Längst steht die Sonne am makellos blauen Himmel, als wir beide uns kurz vor dem Start bei den Sportanlagen der Peugeot-Werke unter die Franzosen mischen, rund hundert an der Zahl, auch einige Frauen sind darunter. Randonneure aus Fleisch und Blut. Sie haben nichts von verwegenen Sagengestalten an sich, die meisten sehen aus wie anständige Bürger, als Radler verkleidet. Lautstarkes Salut und Bonjour, Händeschütteln, Schulterklopfen ringsum, wir fühlen uns etwas verloren in dieser offensichtlich eingeschworenen Gemeinschaft, bis uns Jean-Maurice im Trikot der Peugeot-Werksmannschaft unter seine Fittiche nimmt; er versieht uns mit der Kontrollkarte und ein paar aufmunternden Worten in seinem kernigen Elsässisch, ehe er sich von uns mit dem Schlachtruf „Bon courage"  verabschiedet, um sich mit den anderen aufs Rad zu schwingen, während wir noch lange Minuten damit zubringen, überflüssig gewordene Kleidung zu verstauen und die Trikottaschen mit Essbarem zu beladen - für Nahrung unterwegs hat jeder selbst zu sorgen.Welche böse Macht treibt uns, die zuletzt Gestarteten, an die Spitze? Beim ersten Kontrollpunkt in Neuf-Brisach, nach dreißig Kilometern, sind wir nach einer erbarmungslosen Aufholjagd dort, wo wir unserer Ansicht nach hingehören: ganz vorn. Wir haben mächtig reingehalten und gewöhnen uns nur schwer an die Unruhe im ersten Feld, an den steten Wechsel zwischen Bremsen und Beschleunigen. Die Gruppe reduziert sich nach und nach, es wird scharf gefahren.Ankommen, nicht Siegen, ist einer der Leitsprüche der Randonneure: irgendwo hinter Mulhouse muss er unter die Räder gekommen sein...

Mit hohem Tempo geht es nun auf rauem Asphalt Richtung Süden, den Ausläufern des Jura entgegen. Bei Kilometer 80 trennt der erste Hügel die Spreu vom Weizen, die Vorhut von rund zwanzig Fahrern zerfasert innerhalb weniger Minuten. Was ich bis dahin nicht wahrhaben wollte, wird mit einem Schlag zur Gewissheit: stechende Schmerzen in meinem Knie. Der Druck auf die Pedale war heftig, offensichtlich zu heftig in Anbetracht der morgendlichen Kälte. Ich lasse abreißen, mein Weggefährte lässt sich zurückfallen. Wenig später fahren wir im gruppetto der Elite, aus dem sich einer nach dem anderen absetzt, bis nur noch wir zwei übrig bleiben. Wir legen bald die erste große Pause ein. Noch habe ich die Hoffnung, eine ernsthafte Reizung des Kniegelenks abwenden zu können. Ich dehne das Bein, massiere die angegriffene Stelle, mache Lockerungsübungen, bemühe mich um Gelassenheit angesichts der vielen Starter, die wir schon um halb acht ein für alle mal hinter uns glaubten und die uns nun überholen. In Ferrette, dem nächsten Kontrollpunkt, treffen wir an einer Tankstelle am Ortseingang wieder auf Maurice mit seiner Mannschaft, er fragt nach unserem Befinden, ich gestehe ihm meine Schmerzen im Knie. Die Hälfte sei geschafft, versucht er, mir Mut zu machen - ich höre nur, was er nicht sagt: die andere Hälfte liegt noch vor uns. Bedächtig fahren wir weiter, mit zusammengebissenen Zähnen muss ich mit ansehen, wie er inmitten seiner Mannschaft an uns vorbei zieht: Männer im besten Alter, die auf den ersten Blick nicht mit durchtrainierten Körpern aufwarten könnten - aber mit der Erfahrung alter Kämpfer. Im Vorbeifahren klopft mir Maurice noch einmal auf die Schulter, dann sind sie verschwunden. Mein Leidensweg beginnt.

Schmerzen, sagt man, schützen den Menschen vor sich selbst, vor der eigenen Unvernunft. Und ich höre die Mahner, die immer schon wussten, dass solche Unternehmungen nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun haben. Mein Knie, das sich wie unter Messerstichen windet, gibt ihnen Recht. Die herrliche Natur, die elsässischen Fachwerkhäuser, die einsamen Straßen, die Frühlingssonne, die Wärme nach dem langen Winter, alles reduziert sich auf diese tennisballgroße Zone in meinem linken Bein. Der dritte Stempel in einer Bar in Méroux, bei Kilometer 147, wo die beiden einzigen Gäste gegen die Langweile des Sonntags antrinken, trägt wenig zur Aufheiterung bei. Wie ein weidwundes Tier quäle ich mich im Windschatten meines Begleiters Axel Wellpott Kilometer um Kilometer voran, lasse mich von ihm die Berge hochschieben, während mein intaktes rechtes Bein die Arbeit des linken mit übernimmt. Pause um Pause fallen wir weiter zurück, aber längst kreist in meinem Kopf nur noch ein einziger Gedanke: Ankommen.Im Schlepptau rolle ich nach zehn Stunden wieder auf dem Sportgelände der Peugeot-Werke ein. Ich bin am Ziel, nach 207 Kilometern, nach insgesamt mehr als 260 seit fünf Uhr morgens. Nicht zuletzt der Solidarität meines Begleiters, von dem ich vor der Abfahrt nur wenig mehr als seine Rahmenfarbe wusste, verdanke ich den erlösenden vierten Stempel in meiner Karte. Vermutlich wäre er mit den Besten angekommen.Es ist ein weiter Weg nach Paris. Er führt unweigerlich zum nächsten Bahnhof, noch einmal fünfzehn Kilometer entfernt. Lektion Nummer eins: Demut.

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