Wege mit dem Rad

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300-km-Brevet

Zweites Brevet: 300 Kilometer

Mulhouse, 29. April 2007, 3.00 Uhr

Kaffee? Oh ja, gerne! Vermutlich hat die barmherzige Helferin des ACS Peugeot-Citroën nicht mehr geschlafen als wir, aber ihre Freundlichkeit um halb drei Uhr morgens ist bemerkenswert. Halb drei Uhr... Hinter uns liegen drei Stunden Halbschlaf irgendwo auf einem Rasenfleck des Sportgeländes, Seite an Seite mit unseren Rädern. Hinter uns liegt auch der heißeste, sonnenreichste und trockenste April seit Beginn der Wetteraufzeichnung. In Italien verdorren ganze Landstriche, in Deutschland kämpfen die Bauern mit der Trockenheit. So scheint es fast normal, dass die Fahrer um uns herum - trotz der frühen Stunde - in kurzen Hosen an der Theke lehnen. Noch schnell eine zweite Tasse Kaffee, ein paar Kekse, dann heißt es aufsteigen und Blick nach vorn in die schwarze Nacht.

Es geht Richtung Norden, wieder nach Neuf Brisach, von dort weiter nördlich bis Marckolsheim und Séléstat - zu deutsch: Schlettstadt. Beängstigend schnell befinde ich mich in einer Spitzengruppe von vielleicht zehn, zwölf Leuten. In der Dunkelheit erkenne ich Jacques Raugel, der TGV aus der Region Strasburg, Dominique Neff auf seinem gelben Look und Vincent, dreifacher PBP-Finisher - sie waren auch bei der Hatz vor zwei Wochen in unserer Gruppe. Ebenfalls dabei: Peter Steck aus dem Schwarzwald, der beim letzten Mal den Anschluss an die Spitze verpasst hatte, und das Paar auf dem Tandem. Sie haben Pech: nach vielleicht 20 Kilometern legt sie der erste Platten lahm. Unsere Gruppe ist klein, aus diesem Grund ist zunächst Warten angesagt, aber als das zweite, größere Feld von hinten herranrollt, gibt es kein Halten mehr - wir klinken uns ein. Erfreulich: schon kurze Zeit später mischt das Tandem wieder in unserer Gruppe mit - es war wohl Jacques, der TGV, der sie herangeführt hat.

Irgendwo danach eine kurze Schrecksekunde: Zu spät merke ich, das vor mir das Tempo rausgenommen wird. Ich touchiere das Hinterrad von Jacques, kann mich aber im Fallen mit dem Bein noch abstützen, so dass die Sache glimpflich verläuft.

5.45 Uhr: Die erste Kontrolle in Villé nach 76 Kilometern, ist vom Veranstalter organisiert. Ein kleiner Tisch am Straßenrand, im Halbdunkel - Stempel, Kaffee, Kekse, Sirup - und Pipi. Der Präsident, der sich persönlich des von Urban und mir zurückgelassenen Gepäcks angenommen hatte, ist ebenfalls anwesend.

Den Col d'Urbeis mit seinen 602 Metern befahren wir beim ersten Tageslicht. Oben sammeln wir uns für die gemeinsame Weiterfahrt. Von den 14 Grad Lufttemperatur beim Start in Mulhouse sind in dieser bergigen Gegend gerade noch 10 Grad übriggeblieben. Eine märchenhaft einsame Landschaft, ausgestorben zu dieser Uhrzeit. Auf der Rückseite des Passes hängen feuchte Nebelschwaden über der Straße. Die Kälte kriecht unter die Leuchtweste.

Auch als später die Sonne durch die Wolken schimmert, wird es nur unwesentlich wärmer. Alles nicht tragisch, denn wir halten das Tempo und damit die Betriebstemperatur des Körpers einigermaßen hoch.

Wir rauschen durch St. Dié hindurch: ich habe keine Erinnerung mehr daran. Oder war es hier, wo ich die rote Ampel übersehen habe? Für eine kurze Phase hat mich die Müdigkeit übermannt. Erst wieder Rambervilliers bleibt im Gedächtnis haften: der dritte Kontrollpunkt bei Kilometer 141. Es ist acht Uhr früh und knapp die Hälfte liegt hinter uns. Etwa zehn Leute sind übrig geblieben, bisweilen leistet uns die Tandemcrew Gesellschaft.

In Gérardmer, einem der Touristenzentren in den Vogesen, war die nächste Kontrolle geplant. Wegen eines Stadtfestes wurde die Route jedoch verlegt: über den Kamm bei le Haut du Pré direkt nach Le Tholy, was uns etwa acht Kilometer erspart, aber etliche Höhenmeter zusätzlich einbringt. Immer noch fühle ich mich frisch, trotz der knapp 200 Kilometer in den Beinen. Ich nütze den Anstieg fürs Fotoshooting inklusive einem Selbstportrait...

Eine zweite brenzlige Situation: vor Remirement bricht aus dem Hinterhalt ein freilaufender Hund, was zuerst ein Bremsmanöver der gesamten Gruppe nach sich zieht, dann eine Verfolgungsjagd zwischen Urban und dem Hund. Wie nicht anders zu erwarten, gewinnt Urban das Duell. Danach eine kleine Showeinlage des Hundes: auf seine Attacke vorbereitet, greife ich beherzt nach meiner Trinkflasche und spritze ihm einen ordentlichen Strahl in Augen und Nase. Das wirkt so, dass sich der Hund im Laufen fast überschlägt. Braver Hund!

Die Sonne bricht sich nun vollends Bahn. Als Letzter ziehe auch ich mir endlich die Knielinge aus. Es wird wieder ein heißer Tag heute, und wir stehen noch ganz am Anfang. Kaum zu glauben: gegen zehn Uhr morgens haben wir die letzte Kontrolle passiert, weniger als 100 Kilomter bleiben uns noch. Ich überlasse meinem hungrigen Magen zwei Croissants. Zu sechst fahren wir weiter: Peter aus Bonndorf, und einige Haudegen aus der Spitzengruppe des ersten Brevets: Vincent, Dominique, Jacques, Urban und ich. Wir hatten im Vorfeld geplant, die Spitzenleute diesmal ziehen zu lassen, um uns nicht so auszupressen, wie beim letzten Mal; dass ich nun - selbst in der Ebene - fast mühelos mithalten kann, sprengt alle meine Erwartungen. Bin ich stärker als vor vier Jahren? Ich vermute eher, dass es die Erfahrung ausmacht: ein besseres Gespür dafür, was ich meinem Körper zumuten kann.

Entgegen den Angaben des Streckenplans meiden wir den Radweg: ich habe ihn als einen einzigen Hindernisparcour in Erinnerung. Statt dessen wählen wir die viel befahrene Nationalstraße. Sonntäglicher Ausflugsverkehr - überflüssig wie ein Kropf. Gereizte Familienväter mit dem quengeligen Nachwuchs auf der Rückbank sind lebende Waffen, die ohne mit der Wimper zu zucken bereit sind, Radfahrer zur Strecke zu bringen. An diesem Vormittag entgeht unsere Gruppe nur knapp einem Anschlag eines Geländewagenfahrers..

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Zunächst allerdings steht ein letzter Pass an: der Col de Bussang. Ein gleichmäßiger Anstieg in der Sonne, schön zu fahren, wenngleich stark frequentiert. Oben sammeln wir uns zum letzten Mal. In der Abfahrt übernimmt Dominique, der in der letzten Stunde etwas Mühe hatte, das Kommando. Er ist nicht zu bremsen. Es ist ein äußerst vitaler Zug, der sich nun auf Mulhouse zubewegt: hätten wir Zuschauer, sie würden uns unsere knapp 300 Kilometer nicht ansehen. Aber wir haben keine Zuschauer.

Yvette Lombard, die Organisatorin dieser Brevet-Serie, hat mit weiteren Helfern zusammen gerade eben die Kontrolle geöffnet, als wir, um 13.45 Uhr, um die Ecke des Sportheims biegen, und wir ernten tatsächlich etwas Beifall für unseren Ritt durch die Vogesen.

Für unsere Mühen erhalten wir einen letzten Stempel in unserer Brevet-Karte. Hätten Yvette und ihre Helferschar ebenfalls Kärtchen, ich würde sie im Gegenzug gerne vollstempeln mit Bravo! und Merci beaucoup!


Strecke:

295 km

Fahrzeit:

9:40 h

Schnitt:

30,2 km/h

Gesamtzeit:

10:45 h

Höhenmeter:

1625

 

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