Wege mit dem Rad

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Flèche Allemagne 2010

Käptns Wilde Reiter auf großer Fahrt     Freiburg, 13. Mai 2010

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Mehr als einmal habe ich mich schon gefragt, ob irgendwann einmal, nach der x-ten Langstrecke, diese sich mehr und mehr aneinander angleichen und ihre jeweiligen Zacken und Kanten, Höhen und Tiefen in einer öden Durchschnittlichkeit aufgehen. Bisher habe ich allerdings noch keinen Grund, mir Sorgen zu machen. Und schon gar nicht am Himmelfahrtstag 2010, als ich zum Freiburger Bahnhof fahre, um gegen 8 Uhr unsere Flèche-Mannschaft, Käptns Wilde Reiter, zu treffen: unseren Käptn und Emily, beide mit dem Zug aus der Karlsruher Gegend angereist, und die anderen beiden Freiburger. Galgenhumor beim zweiten FrühstückVor uns fünfen liegt der weite Weg an die Wartburg in Eisenach, Ziel etlicher Flèche-Mannschaften, die wie wir heute früh Punkt neun Uhr irgendwo in Deutschland an den Start gehen. Die Ankunft ist morgen früh um neun Uhr  oben auf der Wartburg. Ein anspruchsvolles Unternehmen - für uns, vom Norden Freiburgs weg, 515 Kilometer in 24 Stunden - zumal bei dem herrschenden Wetter: strömender Regen und Temperaturen von acht Grad. Bereits als wir um halb neun an der Tankstelle ankommen, die als Startort fungiert, bin ich nass bis auf die Knochen. Diese Tour, soviel lässt sich jetzt schon sagen, wird mir in Erinnerung bleiben.

Pünktlich aber widerwillig schwingen wir uns in die aufgeweichten Sättel und kurbeln nordwestwärts Richtung Rhein, wühlen Furchen in die nasse Fahrbahn, die Laufräder sabbern vor sich hin. Das Ganze wird gekrönt von einer steifen Brise aus dem Norden. Eine lockere Vatertagsrunde sieht anders aus.

Nach 60 Kilometern beginnt das Schiff zu schwanken: leicht unterkühlt sinniert der Erste aus der Crew übers Aufhören. Er könne die Bremsen nicht mehr greifen, sagt er. Wir zerren ihm die triefenden Handschuhe von den Händen: so bringen die ja nichts. Er bekommt statt dessen Plastiktüten übergestülpt, damit entsteht wenigstens keine Verdunstungskälte. In Kehl, zwanzig Kilometer später geht er von Bord. Vielleicht hat er eine Freundin hier, die ihm die verlorene Körperwärme zurückgeben kann. Man kann nie wissen. Wir können ihn jedenfalls nicht halten. Käpnts Wilde Reiter jagen zu viert weiter durch die Gischt.

Auenheim: Zeit für eine Ladung PommesManche Langstrecken sind in der Erinnerung nichts als Fahren. Diesmal ist es anders. Auenheim: ein Vereinsfest des ortsansässigen Billard-Clubs sollte uns den ersten benötigten Stempel für die Kontrollkarte liefern. Anders als verabredet ist der Stempel jedoch nicht vor Ort und muss erst noch herbeigeschafft werden. Gelegenheit, im Stehen ungeduldig eine Schale Pommes zu essen; die Zeit rinnt dahin, wir liegen deutlich hinter unserer Marschtabelle zurück. Karlsruhe: zusätzliche KalorienzufuhrDies ändert sich auch nicht auf dem nächsten Stück nach Karlsruhe. Zwar hat der Regen nachgelassen, aber der Wind lässt nicht locker. Bis zur zweiten Kontrolle, einer Tankstelle bei Kilometer 157, summiert sich die Verspätung auf eineinhalb Stunden. Die Kälte verlangt nach zusätzlicher Kalorienzufuhr. Die Uhr tickt.

der Käptn zieht's durch...Heidelberg markiert die Wende - von jetzt an wird's bergig, unsere Richtung wechselt nach Nordost. Der Wind passt sich an, er bläst weiterhin von vorn. Die Tour hat dennoch ihren Charme: das zum Abend hin friedvolle Neckartal, die 30 auf dem Tacho, die Hügel des Odenwalds, ein entschlossener Käptn und seine beseelte Mannschaft: die wilden Reiter...vier heldenhafte Typen aus zwei Generationen, jeder gleich verrückt. Kein Zweifel: wir ziehen's durch.

In Miltenberg stoßen wir nach ersten Höhenmetern auf den Main. Es ist halb zehn, Zeit für eine warme Mahlzeit. Unser auserwählter Pizzabäcker ist in Sachen Pizza ausverkauft,  Spaghetti hat er aber noch reichlich. Und Zeit - im Gegensatz zu uns. Was soll's. Wir fühlen uns ganz wie zuhause, ziehen uns aus und um, legen die Sachen zum Trocknen aus. Muskulöse Oberkörper zieren den Gastraum. Abgesehen von der Laufkundschaft sind wir die einzigen Gäste. muskulöse Oberkörper zieren die Pizzeria...Keiner von uns zeigt sich besonders ungehalten, als nach einer Stunde endlich die Spaghetti serviert werden. Es sind die Pausen, was von dieser Tour bleiben wird.

Als wir um Viertel vor elf das Etablissement verlassen, ist klar, dass unsere Planung auf der Kippe steht. Immerhin ist die Temperatur im Maintal trotz der späten Stunde zum ersten Mal auf über zehn Grad geklettert.

Die Röhn. Die Hügel fressen Zeit. Mitternacht ist durch, mit der Kälte kommt die Müdigkeit angeschlichen. Und dann das: für eine Sekunde nicke ich auf dem Rad ein, ziehe einen scharfen Schlenker, der mich wieder weckt und Adrenalin in den Körper pumpt. Ich sehne mich nach einer Mütze Schlaf auf auf sicherem Grund. In Lohr steht irgendwo am Straßenrand ein Traktoranhänger. Seine Holzplanken isolieren und sind auch nicht so hart wie der blanke Asphalt. Zu viert legen wir uns flach. Sollte uns jemand heimlich beobachtet haben, wird er sich bis heute fragen, weshalb sich vier Menschen nachts um zwei für zwanzig Minuten in diesen Wagen gelegt haben.

Der nächste Stopp: irgendwo nach einem längeren Anstieg warten wir auf den Käptn, der nicht nur gegen die Schwerkraft kämpft, sondern mehr noch gegen heimtückische Grippeerreger, die ihn seit zwei Wochen plagen. Eine kalte Steinbank in der Ortsmitte , rund um einen Baum angeordnet, bietet sich zur Rast an. Ein Zeitungsausträger parkt sein Auto daneben: Na, auch schon munter, will er wissen. Geht so... Für zehn Minuten bedecken wir uns mit dem Nötigsten und frösteln in den neuen Tag hinein. Schnitt.

die ehemalige GrenzeEin Rastplatz im Niemansland bei Tagesanbruch. Die Kälte zieht die letzten Energien aus den Körpern. Der Käptn schwitzt und friert in einem. Vier Bänke, vier ausgestreckte, ermattete Körper. Als ich nach fünfzehn Minuten wieder bei Sinnen bin, sehe ich den Käptn auf der Bank gegenüber, zitternd wie Espenlaub. Wir müssen dringend weiter.

Zwischen drei und vier Uhr wollten wir in Mellrichstadt sein, bei Kilometer 435. Als wir nach dem Passieren der ehemaligen Grenze mit ihren Wachtürmen im morgendlichen Grau tatsächlich dort ankommen, hat bereits die erste Bäckerei geöffnet. Verschnaufpause am MorgenEs gibt heißen Milchkaffee und süße Stückchen für mich. Wir kauern am Boden im Verkaufsraum. Die Kundschaft wundert sich, zeigt uns gegenüber aber keine unnötige Scheu. Es bleiben achzig Kilometer. Zwei Stunden sind eindeutig zu wenig dafür. Eine komplizierte Regelung macht es möglich, dass auch bei einer Ankunft vor zwölf Uhr eine Wertung möglich ist. Das müsste zu schaffen sein.

die letzte Pflicht: FototerminDer Käptn hängt in den Seilen, aber wir schaffen es, zusammenzubleiben. Die Wartburg kommt in Sicht, furchterregend weit oben: ein tatsächlich krönender Abschluss. Am Ende der zwei bis drei Kilometer langen, steilen Auffahrt kommt eine Kopfsteinpflasterpassage mit über zwanzig Prozent: bei Nässe absolut unbefahrbar, nun aber stemme ich mich mit meinen letzten Reserven in die Kurbeln. Um 11.50 Uhr sind wir oben, nach fast 27 Stunden in Regen, Kälte und Gegenwind.

Die anderen Mannschaften sind längst schon wieder unten in der Stadt, nur ein Liegeradler aus Berlin kommt gleichzeitig mit uns an. Es herrscht entsetzlicher Trubel innerhalb der Festungsmauern, mühsam bahnen wir uns den Weg zur Information, wo unsere Karte ihren letzten Stempel erhält. Nach der vergangenen Nacht auf einsamen Straßen ist das ein bisschen viel hier und ich habe etwas Mitleid mit den vielen Menschen, die sich gegenseitig fast zertreten. Wie alle anderen lassen sich auch Käptns Wilde Reiter vor der Burg fotografieren. Das war der letzte Akt. Mein erster Flèche ist zuende.

Strecke

524 km

Höhendifferenz

2300 Hm

Fahrzeit 

21:16 h

Schnitt 

24,6 km/h

Gesamtzeit

26:50 h

 

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