Wege mit dem Rad

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300 km: Baden-Baden

Zweites Brevet: 300 Kilometer

Baden-Baden, 18. April 2009, 7.00 Uhr

am StartBeim Start wird mir klar, dass es zwei Sorten von Langstreckenradlern gibt: Randonneure mittleren Härtegrades wie ich, die im kühlen Morgenregen stehen und mehr oder weniger klaglos den 300 Tageskilometern entgegensehen. Dann gibt es noch die Hardcore-Version: Leute mit Rädern ohne Gangschaltung, dafür aber mit Starrnabe. Der Gipfel des Ganzen ist, wenn eine Frau auf einem solchen Rad sitzt, die bei alledem noch fröhlich in die Runde schaut: Emily O'Brien, Boston, USA.

Gerd Stettin, Urban HilpertAuf ein Neues also! Zwanzig Räder drängen auf die nasse Straße durchs Industriegebiet Steinbach bei Baden-Baden, dazwischen dieses eine, deren Besitzerin die nächsten 300 Kilometer nicht einen Tritt auslassen wird.

Es ist ein munteres Pedalieren, das Spritzwasser des Vordermanns hält wach. Auch der stramme, regengetränkte Gegenwind tut sein Bestes, um jeden Gedanken an Langeweile im Keim zu ersticken. Die Strecke ist flach, und mit 42x16 Zähnen ist Emily in ihrem Element. Der ganze Pulk zieht gen Süden, 100 Kilometer weit bis Sasbach am Kaiserstuhl, dem Wendepunkt. Eineinhalb Stunden, und ich wäre zuhause am warmen Ofen. Aber einem Randonneur mittlerer Härte ist dieser Gedanke fremd, zumal der Regen zwischendurch nachgelassen hat. Erst auf der französischen Seite, wo wir uns, nach einer kurzen Pause in Sasbach, wieder in Gegenrichtung bewegen, setzt der Regen wieder ein, doch kommt er von hinten. Zwischendurch denke ich, dass die Unternehmung angesichts der Umstände nicht besonders prickelnd ist - aber es hat ja auch etwas, entspannt auf seinem Rad zu sitzen und zu warten, bis die dreihundert Kilometer unter einem durchgelaufen sind. Dennoch bin ich ganz froh, als es in Obernai, 50 Kilometer später, endlich in die Berge geht.

Das saftige Grün der Hügelketten der Vogesen umgibt uns, vielleicht einen Hauch zu saftig, aber zumindest das Auge stört sich weniger daran als die klammen Füße, die in ihren vollgesogenen Überschuhen vom Reiz der Landschaft nichts mitbekommen. Axel Ostermeier

Doch auch Randonneure mittlerer Härte kommen über den Sinn ihres Tuns schon mal ins Grübeln , wenn im strömenden Regen die Temperatur auf sechs Grad sinkt, in den Abfahrten die letzte Wärme aus dem Körper weicht und die Knie vor Kälte schmerzen. Wir sind verweichlicht, keine Frage. Emily mit ihrer Starrnabe ist nun irgendwo hinter uns. Gedanken dieser Art, darauf könnte ich wetten, kennt sie nicht.

Zu sechst sind wir nun an der Spitze, stoßen vor nach Lutzelbourg, der vorletzten Kontrolle bei Kilometer 223. Im Handstreich erobern wir einen Salon de Thé, bringen die beiden Bedienungen ins Rotierenim Salon de Thé - Milchkaffee, Kuchen, Gebäck, Cola, Pizzaschnitten, und nochmals Milchkaffee. Jörg Linder, der Veranstalter, und noch ein Fahrer stoßen zu uns. Wir stehen am Tresen - auf die Plüschsitze habe wir uns schon gar nicht zu setzen gewagt - und die Fliesen unter uns sehen aus, als hätte jemand einen Eimer Dreckwasser darüber ausgeschüttet. Immerhin: die Körpertemperatur ist gestiegen. Dennoch klappern mir die Zähne, als ich, wieder im Freien, darauf warte, bis die letzten das Etablissement verlassen haben.

Zu acht bringen wir die Sache zuende, garniert mit einer kurzen Aufholjagd nach einem Platten. Am Ziel, im Vereinsheim des örtlichen Hundesportvereins, bestelle ich als erstes heißen Tee. Eineinhalb Stunden später kommt Emily, dreckverschmiert und klatschnass, setzt sich an den Tisch und bestellt Hefeweizen. Das sind die feinen Unterschiede. 

Strecke

314 km

Höhendifferenz

1240 m

Fahrzeit

11:07 h

Schnitt

28,2 km/h

Gesamtzeit

12:30 h

1  |  2  |  3  |  4  

 

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