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Breisgau-Brevet

ARA Breisgau: 200 Kilometer

Die Persistenz des Seienden     Freiburg, 5. April 2014, 9:00 Uhr

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Lange hat man sich nicht mehr gesehen und vielleicht sogar - unsereiner, sagt's nicht gern - etwas vermisst und winters heimlich im Internet nach den Spuren derer gesucht, die nun an den Tischen sitzen und plaudern, als hätte man das ganze Jahr nichts anderes gemacht. Erstaunlich übrigens, wieviel Material man im Netz zwischenzeitlich zu unserer Thematik findet, und angesichts der Fülle und der zunehmenden gesellschaftlichen Relevanz der oben genannten Beiträge dürfen wir mit Spannung den ersten interdisziplinären Forschungsansätzen, etwa zum Problem der Persistenz des Seienden in Phasen globaler Verwerfungen, entgegenfiebern. Sicherlich ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis das drängende und selbst von namhaften Autoren bislang unzureichend beleuchtete Thema der Nachweispflicht als konstitutives Moment soziokultureller Konvergenzen eine angemessene Würdigung erfährt. Wir können es kaum erwarten.

Für den eher praktisch orientierten Leser sei der Hinweis erlaubt, dass wir im Auge des wissenschaftlichen Orkans, der in Kürze losbrechen wird, diese gelbe, kleine Karte vermuten, die jeder, der etwas auf sich hält, mitführt, um sie an den entscheidenden Punkten der Strecke irgendwelchen wohlwollenden Händlern, öffentlichen Bediensteten oder auch schon mal Polizisten mit der Bitte um einen unverwechselbaren Stempel vorzulegen. Im Laufe seiner Karriere sammelt der beflissene Randonneur wohl viele Dutzende oder gar Hunderte solcher Nachweise und nicht weniger Geschichten, die insbesondere empirischen Untersuchungen wertvolle Hinweise liefern könnten. auf dem Weg zum Thurner

Der Forschungsbeitrag aus dem Breisgau hierzu ist allein schon deswegen nicht unerheblich, da nun bei der Eröffnungsveranstaltung der Breisgauer Randonneure Anfang April 2014 ein liebevoll aufgeklebter roter Punkt auf der Brevetkarte erscheint, der zum Losfahren berechtigt. Ein Novum. Die Willigen stehen für diesen Beleg, nicht vor der Zeit gestartet zu sein, geduldig an, um sich im Minutentakt auf die Strecke zu verabschieden. Anders sahen die Organisatoren offensichtlich keine Handhabe, die Massen von Startern in geregelte Bahnen zu lenken. Es werden immer mehr. In zehn Jahren werden sie wohl das Stadion des SC Freiburg anmieten müssen. Der Sport-Club muss dann eben mal ausweichen. Fürs Erste sind aber alle glücklich, dass im Augustiner wieder alles so vorzüglich klappt, auch nach einem Jahr der Abwesenheit.

Das Nachsehen der neuen Startregelung haben vor allem die beiden Organisatoren: solange im Breisgau Brevets stattfinden, werden sie - bis weit über die ursprüngliche Startzeit hinaus mit ihren Klebearbeiten beschäftigt - wohl nie wieder in der Spitzengruppe ankommen. Was ihnen recht geschieht: hatten sie in ihrer maßlosen Unbekümmertheit nicht zielsicher den einzigen weit und breit verfügbaren Regentag für den Saisonauftakt ausgewählt?

So man nicht schon in der Acht-Uhr-Gruppe gestartet ist, steckt man also seine rotgepunktetes Stück Pappe in seine Rückentasche und zieht deutlich nach neun Uhr von hinnen. Wundert sich, wie fröhlich die anderen plaudern, trotz des Wetters, trotz des Rückstandes. Macht sich mit ein paar kraftvollen Pedalumdrehungen auf die Suche nach einer Gruppe weiter vorn, in der Hoffnung, seine Pappe früher nach Hause zu bringen. Das jungfräuliche Gelb ihrer sieben Kontrollfelder schreit förmlich nach Befleckung. Für den Routinier ist dies eine durchaus reizvolle, angesichts der gerade mal 200 Kilometer überschaubare Aufgabe, obwohl zwischen dem Start in Freiburg und der ersten Befleckung diesmal der Thurner zwischengeschaltet ist, ein Pass, der deutlich über die 1000-Meter-Grenze hinausragt und vor allem für seine frostigen Temperaturen bekannt ist. Es geht das Gerücht, dass hier oben im Gasthaus Kalte Herberge, wo ich in einer kleinen Gruppe eineinhalb Stunden nach dem Start vorbeiziehe, einst im Winter ein Gast auf der Ofenbank erfroren sein soll. Da zieht man vor der Talfahrt mal lieber seine Regenjacke über. 

Hammereisenbach: Die erste Kontrolle.Linachtalsperre Der Stempel stammt aus der Hand einer Dame im gesetzten Alter, die hinter der Kasse ihres Einkaufsgeschäfts residiert. Sie strahlt, als habe der liebe Gott selbst ihr eben einen Heiratsantrag gemacht. Dabei waren es nur ein paar lausige Randonneure, die ihre Pappe zum Abstempeln aufs Förderband gelegt haben. Sie freue sich über unseren Besuch, der ihr so viel lieber sei, als der Besuch eines zwielichtigen Herrn gestern, der ihr viele Unannehmlickeiten beschert habe... Worauf sie ansetzt, uns pikante Einzelheiten aus ihrem Geschäftsleben zu erzählen. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie zu den wenigen erleuchteten Menschen diesseits des Schwarzwaldes zählt. Neben ihr verblassen unsere Brevetkarten und trotz des Regens, der draußen einsetzt, wird mir bei der Weiterfahrt ganz warm ums Herz, auch wegen der soziokulturellen Konvergenz.

Neu an dieser Strecke ist neben dem Thurner auch das Linachtal - einsam und beschaulich. Dieser malerische, aber feuchte Abschnitt endet für uns in den öffentlichen Toiletten von Neukirch, wo der Ortsvorsteher exklusiv für die Randonneure aus Freiburg regensicher Etiketten hinterlegt hat. Ein Ehrenmann. Die Karte füllt sich langsam mit den Nachweisen unserer Durchfahrt, aber auch unsere Schuhe - mit der Nässe aus den Höhen des Schwarzwaldes. Nieselregen, Nebel, Kälte

Unsere Gruppe tröstet sich mit der Aussicht, dass es in Freiamt, spätestens im Kaiserstuhl wieder trocken würde. Außerdem härte so ein Regen ab für die längeren Brevets und zudem sei es besser, einen 200er im Regen zu fahren als einen 600er. Kontrollfrage in BombachWohlfeile Gründe also, sich guten Mutes die bösen Stiche in Freiamt, wo der Regen natürlich nicht nachlässt, hochzuwuchten und schließlich eine weitere Kontrollstelle in Endingen anzufahren. Die nachmittägliche Störung des Betriebsablaufes ist für den Beschäftigten am Schalter des örtlichen Bahnhofs kein Grund, uns einen weiteren Stempel in der Sammlung zu verweigern. Der Hieb sitzt: mit großer Finesse und nahezu akkurat platziert. Ein Schmuckstück auf einer Karte, die sich an ihren Rändern langsam auflöst. es geht dem Ende zu...

Der Einfallsreichtum der Organisatoren kennt keine Grenzen. In Auggen, nach langer und harter Prüfung im Gegenwind des Rheintals, ist besonderes Fingerspitzengefühl dabei gefordert, ein aufgeweichtes Stück Papier zwecks Befleckung zwischen die Lippen eines Stempelautomaten eines regionalen Schienentransportunternehmens einzuführen. Es braucht eine gewisse Abgebrühtheit bei solchen Spielchen, und ich bin froh, dass ich beim Einführen meines wabbeligen Streifens nicht versage. 

letzte KontrolleBleibt eine letzte Kontrollfrage auf einem Waldparkplatz inmitten knackiger Hügel bei Kilometer 177. Es ist schade, wenn man seine Karte mit dem Gekritzel seiner vor Nässe steifen Finger so verunstalten muss. Aber es muss sein, wenn das auch nicht jeder so sieht. Zwei Athleten ziehen in forschem Tempo an der Kontrolle vorbei, ohne sich um die Kontrollfrage zu scheren. Sie sehen nicht aus wie Analphabeten. Entweder reitet sie der Teufel oder sie sind bereits an der delikaten Herausforderung in Auggen gescheitert.

Es wundert mich nicht, dass manche Randonneure ihre Brevetkarte, oder, wie sie auf französisch heißt: ihr Carnet de route, in einem wasserdichten Beutel am Herzen tragen. Sie ist das Kondensat aus Kilometern, Begegnungen, Leiden und Freuden. Und jedesmal ist der letzte Stempel am Ziel so etwas wie eine kleine Erlösung. Danach gibt man sie aus den Händen, um bis zum Herbst darauf zu warten, dass sie an einem Tag, wo man überhaupt nicht damit rechnet, per Post zu einem zurückkommt und mit ihrem leuchtenden Gelb die kürzer werdenden Tage zum Strahlen bringt.

Und überhaupt: wenn irgendwann Microsoft implodiert ist, den Support komplett einstellt und sich unsere Rechner und Bilddateien vor lauter Virenbefall nur so winden; wenn die sozialen Netzwerke zusammengebrochen sind oder horrende Mitgliedsbeiträge einfordern, um sich über Wasser zu halten; wenn sich kein Rad mehr dreht und auch sonst nichts mehr geht in der nächsten Finanzkrise, die selbstverständlich wieder total überraschend kommt, und das letzte Wertpapier seinen Wert verloren hat, schlägt ihre große Stunde: dann kramen wir unsere von der rauen Wirklichkeit gezeichneten Kontrollnachweise hervor und gehen sie durch, Karte für Karte. Danach packen wir das Bündel wieder ordentlich zusammen, legen Geburtsurkunde und Familienstammbuch dazu, um uns dann auch angesichts einer sich auflösenden Gesellschaft in Ruhe zurückzulehnen im Wissen darum, dass alle bedeutenden Belege unserer Existenz das Chaos überdauern werden und wir mit dem Problem der Persistenz des Seienden unseren Frieden geschlossen haben. 

Strecke:

213 km

Höhendifferenz:

2600 hm

Fahrzeit:

7:59

Schnitt:

26,7 km/h

Gesamtzeit

8:50 h

 

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