Wege mit dem Rad

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Mont-Ventoux-Brevet

Von Sonnenbrillen, Lockerungsübungen und anderem Unfug     Freiburg, 25. März 2015, 5:30 Uhr

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Von Bédoin aus führt die Straße ein gutes Stück leicht ansteigend nach Osten. Dann macht sie am Rande der kahlen Weinfelder einen Knick nach links und der Mont Ventoux tut sich über dem Lenker auf. Jetzt bleibt noch etwas Luft zum Stöhnen, bevor der Asphalt unter den Rädern mehr und mehr kippt und der Berg einem gleichermaßen entgegenfällt. Unser Ziel liegt am Ende dieser Straße, die fast ohne Verschnaufpause von 300 auf 1900 Meter führt. Es kann uns niemand vorwerfen, dass wir nicht nach Höherem strebten.

Schon zu allen Zeiten war es ein Wagnis, zur Unzeit die Herde zu verlassen. Und so bleibt uns, mit einem Bruchteil dessen ausgestattet, was die menschliche Zivilisation hervorgebracht hat, um sich vor den winterlichen Wettergewalten zu schützen, für unser  Vorhaben nichts anderes übrig, als mit Bedacht zu packen und ansonsten elektrisiert die diversen Farbspiele der westeuropäischen Wetterkarte zu verfolgen, hoffend, dass das Unternehmen einen strahlenden Ausgang nehmen würde. Danach ist alles verziehen. Aber wehe, wenn nicht! Dank der ausufernden psychologischen Kompetenz der kritischen Allgemeinheit findet sich immer eine Schublade, in der man landet - und sei es nur die der kontextabhängigen Intelligenzminderung.

Eigentlich wünscht man sich mit dem Ausklang des Winters nichts sehnlicher als eine Lockerungsübung auf dem Rad in Richtung Süden. Und auch, dass die milden Vorfrühlingstage, die uns im Februar und März bescheidene Lust gewährt hatten, noch länger anhalten mögen - zur großen Genugtuung der immerhin vierzig Randonneure, die sich fürs Mont-Ventoux-Brevet angemeldet hatten. Genüsslich gen Süden stromern, mit Sonne im Pelz und Fernweh im Herzen. Durchs pittoreske Jura - wie es angekündigt war. Aber eben: es kommt wieder alles anders. Wenige Tage vor dem Termin, dem 25. März 2015, kippen die Wettervorhersagen ins Bodenlose. Routenänderung: wegen prognostiziertem Schneefall im französischem Jura sollte es quer durch Schweiz gehen. Nur selten gibt es unseren modernen Lebenswelten echte Spannung. Aber dann erwischt es einen eben doch. Wenn nicht am Arbeitsplatz - weil etwa ein amerikanischer Konzern die Firma aufgekauft hat und die Hälfte der Stellen auf dem Spiel steht - dann beim Radfahren. Ist nun mal so. StartvorbereitungenDie aus vielen Touren so vertraute Brevetkarte, die man als einer von sechsundzwanzig verbliebenen Startern morgens kurz vor halb sechs am Freiburger Bahnhof einsteckt, fühlt sich diesmal an, als stünde sie unter Strom. Mit ihr verbindet sich die vage Hoffnung, sie in den nächsten vierzig Stunden bis ins südfranzösische Nyons zu tragen. Durch den Regen in der Schweiz. Durch die Kälte der Nacht. Durch den Schnee im Vercors. Über ein endloses Band eisigen Asphalts: eine Demonstration gegen die kleinmütigen Zauderer und die Verweichlichung dieser Gesellschaft. Von Rennradpsychos und suizidalem Rollmob wird in der Berichterstattung zu lesen sein, wenn die Sache in die Hose geht - in fetten Buchstaben, versteht sich. Also lieber mal den Ball schön flach halten. In der Bahnhofshalle vermeiden wir tunlichst jedes Aufsehen, was für einen derart großen Haufen in Leuchtwesten kein geringes Kunststück ist. In der Eile des Aufbruchs leere ich noch hektisch den zweiten Becher Kaffee, ehe sich der Start nicht weiter aufschieben lässt. Die Herzklappen flattern vor Aufregung.

Ein Glück, wie schnell mit dem Treten die Leichtigkeit einsetzt und man sich wieder mit der Straße anfreundet! Raus aus dem nächtlichen Freiburg, wo der erste an einer Verkehrsinsel zerschellt. Die Knochen sind heil geblieben, aber die Tour ist vorbei. Das Ereignis erinnert fatal an den tags zuvor stattgefundenen Absturz eines Verkehrsflugzeugs unweit unseres Zieles, wo der lebensmüde Kopilot samt seiner einhundertfünfzig Passagiere gegen ein Gebirge gerast war. Alle Forderungen, die in diesem Zusammenhang möglicherweise aufkommen werden, nicht nur in der Flugbranche, sondern auch im Randoneurswesen psychiatrische Gutachten der Protagonisten einzufordern, halte ich aber für überzogen, auch wenn dem ohnehin misstrauisch beäugten Stand der Brevetfahrer nichts mehr schaden würde, als Kandidaten, die bei aller Leichtfertigkeit auch noch in suizidaler Absicht gegen Felswände knallen oder sich mit ihrem Rad in Schluchten stürzen.

Im Grenzgebiet um Basel nimmt der Verkehr stetig zu und wir reihen uns mehr oder weniger unauffällig zwischen den Fahrzeugkolonnen ein. Man muss all diese Leute hinter dem Steuer bewundern: wie sie es schaffen, jeden Morgen neu für diesen Wahnsinn aufzustehen. Dem einen oder anderen würde es sicherlich gut tun, sein Auto stehen zu lassen und ebenfalls nach Höherem zu streben. Dem Rest bleibt dann immer noch der Griff zu einem wirksamen Anitdepressivum, wie der Markt sie in allen Schattierungen vorhält. Basel ist berühmt für seine Pharmaindustrie. Ich versuche, mich im allgemeinen Tumult an der Linie auf dem GPS-Gerät zu orientieren und dies mit dem herrschenden Verkehr zu koordinieren. Man muss sich sehr anstrengen, um hier noch locker zu bleiben. Abfahrt ins Balstal

Auf dem Hauenstein, dem ersten Pass des Tages, setze ich mir schließlich die Sonnenbrille auf. Nicht wegen der Sonne, die sich in allenfalls homöopathischen Dosen hinter den Wolkenschichten andeutet. In diesen denkwürdigen Stunden braucht es ein Bekenntnis zu starken Visionen. Schon gar nicht darf man sich von hämischem Spott, dem Auswuchs kleingeistigen Denkens, das auch unsereinen bisweilen heimsucht, aus der Ruhe bringen lassen. Wenn in den letzten Tagen in den sozialen Medien die Rede davon war, dass eine Fahrt bei derartigen Wetterbedingungen grober Unfug sei, so möchte ich nun in voller Fahrt ausrufen: Es ist herrlich! - nur um Widerrede zu leisten. SolothurnDie Zehentemperatur, das Maß aller Dinge, liegt gefühlt im zweistelligen Bereich. Über dem Jura-Hauptkamm, der rechts von unserer Route liegt, türmen sich jedoch die Wolken auf, dunkel und bedrohlich, und lassen ahnen, dass es viel schlimmer sein könnte. Der Wind bläst von hinten und bisweilen ist mir so, als wäre ich selbst ein Teil von ihm, was zeigt, dass ich in meiner Lockerungsübung Fortschritte gemacht habe. Auch als der angekündigte Regen bei Lausanne schließlich doch noch einsetzt, ändert dies wenig an meiner Zuversicht. Ein Nieseln, mit kurzen Schauern dazwischen. Ein Witz angesichts des angedrohten Szenarios, aber immerhin ausreichend, um nasse Füße zu bekommen. Wir haben nicht den Hauch einer Chance, unsere geballte Unvernunft auszuspielen. Genf am Abend

Linker Hand liegt, wie erstarrt, der Genfer See, in Grau gehüllt. Von den Alpen dahinter ist nichts zu sehen. Wir folgen seinem Ufer bis Genf. Rückenwind.

Bellegarde, Frankreich. Die zweite Kontrolle bei Kilometer 330. Zu viert halten wir gegen 21 Uhr Ausschau nach einer offenen Lokalität, wo es noch eine warme Mahlzeit gibt, und sehen drei Räder am Eingang einer Gaststätte lehnen. Wir stellen die unseren dazu. Eine Reminiszenz an unser einstiges Herdendasein. Der Wirt verdreht kurz die Augen, als er unser Quartett eintreten sieht und die letzten normalen Gäste verlassen das Lokal. Aber der Randonneur ist es gewohnt, auch in schwierigen Situationen kühlen Kopf zu bewahren. Schließlich einigen sich alle sieben mit dem Gastronom auf ein schnelles Nudelgericht, und seine Miene wird freundlicher. Die Furcht, sein Koch müsse Überstunden machen, schwindet. Selbst als sich ein weiterer Mitfahrer, der sich, wenn man seinen Aussagen Glauben schenken darf, ganzjährig nur von in Orangensaft aufgelöstem Kartoffelbreipulver ernähren könnte, noch Zutritt ins Etablissement verschafft und eine verspätete Bestellung aufgibt, zuckt der Wirt nur für einen kurzen Moment zusammen. Am Ende beglückt er uns noch mit zusätzlichen Schüsseln voller Pasta. Ein sehr sympathischer Mensch, wenn man erst einmal warm geworden ist mit ihm. Wir verabschieden uns aufs Herzlichste von ihm und seiner Assistentin. Im Nachhinein denke ich, dass ich auf den Zusatz vielleicht bis zum nächsten Jahr hätte verzichten sollen, um den beiden den gemeinsamen Abend nicht zu verderben. Trotz vollem Bauch ist mir nicht nach Unfug zumute und ich bin dankbar, dass kein Eisregen niedergeht, sondern die Straßen zunehmend trockener werden.

Überhaupt bleiben die vorhergesagten Monstrositäten des Wetters aus und mein umsichtig geschnürtes Bündel enthält alles, was für mein Streben nach Höherem notwendig ist. In den folgenden Nachtstunden folgen wir etwa zu zehnt dem Lauf des Rhône, zunächst auf der westlichen Flussseite: hügeliges Terrain, das der Radfahrer als wärmend erlebt. In einem der Dörfer entlang des Weges geht plötzlich ein Ruck durchs Peloton: von rechts rast ein Dachs auf die Straße, schlüpft unter dem Tretlager meines Vordermannes hindurch, erschrickt angesichts von soviel Radlerpräsenz, macht kehrt und entgeht nur knapp meinem Vorderrad. Eine Schrecksekunde: Warnschreie, Bremsenquietschen. Zum Glück kommt es nicht zum Sturz. An dieser Stelle muss, dachsseitig, wirklich von grobem Unfug gesprochen werden. Er hat weder nach links noch nach rechts geschaut, bevor er sich anschickte, die Straßenseite zu wechseln.Seyssel

Dort wo wir den Rhône queren, liegt Seyssel mit seinem Stadttor und seiner Kirche, in dunkelgelbes Licht getaucht - eine Fassade wie aus dem Mittelalter. Nur zu gut kann man sich Wachen am Tor vorstellen: Wohin des Wegs? Die Reiterschaft weist nach Süden, ins Dunkel der Nacht. Man würde uns passieren lassen, als gottgefällige Pilger, und wie ein Lauffeuer würde sich am nächsten Tag das Gerücht von den frommen Reitern verbreiten, die nächtens durch Seyssel gejagt sind.

Entgegen aller Befürchtungen kommt es zu keinem Wettlauf um die besten Schlafplätze. Als mir ein Bootshaus an einem verträumten Yachthafen ins Auge sticht, scheren wir gerade mal zu viert aus, um uns an diesem friedlichen Plätzchen zur Ruhe zu legen. Der Rest entschwindet in der Dunkelheit. Wir Zurückbleibenden rollen unsere Isomatten auf dicken Holzplanken aus. Dann nehme ich ein Papiertaschentuch, um akribisch meine feuchten Füße zu trocknen und ein trockenes Paar Socken drüber zu ziehen. Diese gewissermaßen intime Geste belegt, dass das Vorurteil von dem zu jedem Unfug fähigen Randonneur, der zu seinem Körper ein Verhältnis hat wie der Schlächter zur Weihnachtsgans, nicht haltbar ist. Beschützt von einer Überdachung, auf die von Zeit zu Zeit leise der Nieselregen trommelt, gönnen wir uns ein mehrstündiges Schlafprogramm.

am RhôneAls wir das Vercors zum ersten Mal sehen, liegt ein besinnlicher Morgen hinter uns. Schweigendes Dahinrollen in der Stille des Rhôneradwegs. Nach zweieinhalb Stunden des Ausharrens im Sattel ein ausgiebiges Frühstück in Saint-Genix-sur-Guiers. Wir sind noch zu dritt und treffen dort auf ein paar Freunde, die in derselben Bar gefrühstückt haben. Alle sind guter Dinge. Nach dieser Nacht hat das bedrückende Gefühl, sich des groben Unfugs schuldig zu machen, stark nachgelassen. Unsere Kritiker werden sich warm anziehen müssen. Aber das müssen wir auch, denn die Temperaturen sind nicht sonderlich gestiegen seit dem frühen Morgen. das Vercors in Sicht

In Pont-en-Royans legen wir eine Vesperpause ein. Die Niederschläge der Nacht sind hier noch nicht abgetrocknet, und die Straße ist feucht. Und erneut kommt es zu einer brenzligen Situation: auf dem abschüssigen Trottoir rutscht mein Weggefährte aus und geht zu Boden. Zu Fuß ist der Randonneur bisweilen wirklich ungeschickt. Mit ein paar Prellungen geht die Sache aber nochmals glimpflich ab, aber Gefahren lauern tatsächlich überall. Aus Sicherheitsgründen wäre es unbedingt ratsam, sich dauerhaft zuhause einzuschließen. 

Neuschnee im VercorsDer Neuschnee, der über Nacht aufs Vercors niederging, taucht das Mittelgebirge im Verlauf des Anstiegs in entzückendes Weiß, das sich vor dem nebelgrauen Himmel leuchtend abhebt. Léoncel: Kaffee und Stempel ins gelbe Heft. Wir sind die einzigen Gäste in der Bar. Etliche, so vernehmen wir, sind bereits vor uns durch und der Mann hinter dem Tresen will wissen, was da eigentlich vor sich geht. Es tut gut, sich in der Gaststube aufzuwärmen, doch die Ungeduld drängt uns wieder hinaus in die Winterlandschaft. Noch einhundert Kilometer bis zum Ende des Brevets. Und dann geschieht ein Wunder: fast ohne Vorankündigung bricht die Sonne durch die Wolken und das schneebedeckte Hochtal erstrahlt in gleißendem Licht. Es ist Zeit für die Sonnenbrille. Der Triumph der Vision über die graue Wirklichkeit. Alles ist gut. Dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen. Im Tal der Drôme herrscht der Frühling. Der Col du Pas de Lauzun und der Col de la Sausse werden nonchalant in die  Lockerungsübung integriert.

Ankunftsfeier in NyonsNyons: Da sitzen sie, die ganzen Haudegen, die offensichtlich nichts schrecken kann, bei Bier und Pastis im Café de la Belle Epoque, Place de la Liberté. Ausgelassen. Man schiebt die Sonnenbrille hoch und setzt sich nur zu gerne hinzu. Es stimmt wahrscheinlich: man muss leiden, um ins Paradies zu kommen, das sich heute in Nyons, Place de la Liberté, befindet. Ein bisschen jedenfalls. Ich betone diese Einschränkung, um zu verhindern, dass mir plötzlich die Werbeprospekte des IS ins Haus flattern.

Was den Unfug als solchen anbelangt, so ist allerdings die Messe noch nicht gelesen. Der Mont Ventoux wartet auf uns. Wir verschieben ihn auf den morgigen Freitag. Abfahrt 13:30 Uhr ab Bédoin. Es sind etliche aus unserem Kreis, die es nicht wahrhaben möchten, dass der Ventoux definitv nicht befahrbar sein soll.

Die D 974 zum Chalet Reynard: es ist ein Kraftakt, sich hier hochzuwinden. Nein, nicht hochwinden, es gibt nicht genügend Serpentinen dafür. Hochstemmen, das trifft es besser. Direkte Linie. Die Kette liegt links, dennoch geht man aus dem Sattel, bemüht, nicht langsamer zu werden, weil sonst die ganze Fuhre kippt mangels stabilisierender Kreiselkräfte. Die Entfernung ist kein Maß der Orientierung. Der Fortschritt bemisst sich in Höhenmetern, Höhenmetern, Höhenmetern. Das Chalet Reynard thront auf 1400 über N.N.der lange Weg zum Gipfel Ein zweites Mal, so dämmert mir, fahre ich dieser Tage hier sicher nicht mehr hoch. Logisch, dass dieser eine Versuch klappen muss. Die Schneefelder blitzen in der Sonne. Nach dem Chalet kommt irgendwann die Schranke. Und danach diese eine Kurve, hinter der der Mistral ungehindert über den Kamm faucht. Absteigen. Schieben. Obwohl die Straße noch einigermaßen schneefrei ist. Erst später liegt eine geschlossene Schneedecke, durchzogen von den groben Spuren der Fräse, die den Schnee zusammengedrückt hat. Mit geschultertem Rad geht es sich ganz passabel darauf. Links und rechts Wände aus Schnee und Eis. Der Wind ist fürchterlich. Eineinhalb Kilometer kämpfen wir uns gipfelwärts. In der letzten Kehre droht einem der Sturm das Rad aus den Händen zu reißen und in der Hocke arbeite ich mich vor bis zur rettenden Hauswand der Sternwarte. Dann ist das Ziel erreicht. Vielleicht sind wir die ersten, die in diesem Jahr hier mit ihren Rädern ankommen. Wen würde es wundern. Es ist bekannt, dass der Randonneur dazu neigt, Unfug zu treiben. Aber nun, da wir im Licht der Provence baden und unseren Blick weit über die Alpenketten schweifen lassen, dürfen wir mit Nachsicht rechnen, ja, mit Hochachtung. Der Sieger hat immer recht.

Strecke (bis Nyons):

625 km

Höhendifferenz:

5630 hm

Fahrzeit:

26:21 h

Schnitt:

23,7 km/h

Gesamtzeit:

37:25 h

 

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