Wege mit dem Rad

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Briançon-Grenoble

Montag, 2. August 2010

| Strecke |
Das Frühstück auf der Terrasse der Rezeption bestärkt mich darin, beim nächsten Mal auf mein Kochgeschirr zu verzichten: für 6.50 Euro erhalte ich eine solide Grundlage für den Tag und obendrein ein großartiges Panorama in der Morgensonne. Dann geht's zurück auf die Straße. In der Nacht hat es geregnet und die Luft hat deutlich abgekühlt, die Hochsommerstimmung des gestrigen Tages hat sich verabschiedet, schwere Wolken hängen über dem Tal, das hoch zum Col du Lautaret führt. das Tal der Guisane

In einem verträglichen Anstieg zieht sich die D 1091 über knapp 800 Meter hoch bis zur Passhöhe. Mein Abschied aus den Alpen vollzieht sich in einem sanften Modus - zunächst. Auch der Wind, der heute wieder von vorn bläst, bleibt recht moderat. Nach zwei Stunden stehe ich an der Stelle, wo vom Lautaret die Straße zum Col du Galibier abzweigt. Der dritte große Pass auf meiner Tour, dessen Mythos dem des Mont Ventoux durchaus ebenbürtig ist.

auf dem Col du LautaretHatte ich beim meiner Abfahrt heute morgen noch mit dem Gedanken Mühe, mich noch einmal auf über zweieinhalbtausend Meter zu quälen, verfliegt mein Widerwille während des Geschäfts zusehends. Die anfänglichen Rampen verlieren mit jedem Meter ihren Schrecken und mich erfasst die Lust, noch ein letztes Mal artgerecht in die Pedale zu treten. Die Wolken über mir werden zunehmend dichter, nur noch vereinzelt scheint blauer Himmel durch. Irgendwo huscht ein Murmeltier übers steinige Gelände. Das Szenario ist gewaltig: ein Hauch von Ewigkeit liegt über dem Talkessel, der sich unterhalb des Gipfels erstreckt. 

Wir sind etliche, die aus der Ferne gesehen an den Flanken festzukleben scheinen. Und doch verschiebt sich das Gefüge in sich. die Auffahrt zum GalibierDie einen fallen zurück, die anderen holen auf. Ein Mikrokosmos von Kraft und Wille, der seine Wirkung nur in den Köpfen derjenigen entfaltet, die mit kurzem Gruß oder einem flüchtigen Blick ins Gesicht des anderen aneinander vorbeiziehen. Als Außenstehender wird man das nie verstehen können. 

Es ist das fünfte Mal, dass ich auf dem Col du Galibier stehe. Nichts hat sich verändert: der Sattel ist noch genauso kahl, wie bei meinem ersten Mal vor vielen Jahren, keine Imbissbude, kein Souvenirladen. der Schlussanstieg zum Col du GalibierDas ist gut so. Der Meije thront mit seinen Gletscherzungen auf der anderen Seite des Tales nach Süden hin. Radfahrer treffen ein, klatschen sich ab oder lassen sich von motorisierten Begleitern Jacken reichen. Motorradfahrer stehen beschäftigungslos neben ihren Maschinen. Auch ich streife mir meine Jacke über und mache mich wieder auf den Weg dorthin, von wo ich gekommen bin. Es ist kalt und für kurze Zeit setzt leichter Nieselregen ein. Blick auf die Nordflanke

Fast 90 Kilometer sind es vom Lautaret bis nach Grenoble, auf den meisten davon geht es bergab. Mein Ziel ist, möglichst früh dort einzutreffen, in der Hoffnung noch einen Zug nach Norden zu erwischen. In Grave, unterhalb des Meije, lege ich einen kurzen Stopp ein für Einkäufe. Dann folge ich wieder der erstaunlich verkehrsarmen Straße bis zum Lac du Chambon. Am Ufer dieses Stausees findet meine Pause statt. Noch einmal schweift mein Blick über das gewaltige Massif des Ecrins, das die provençalischen Alpen von den Hochalpen trennt. Der Galibier zählt damit zu den Hochalpen, was auch die kühlen Temperaturen dieses Tages untermauern, sein Gipfel liegt aber just auf der Grenze der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur und der Region Rhône-Alpes. Meine Auffahrt von Süden her ist also ein Vorkommnis, das sich der Provence zurechnen lässt. Ich gestehe: ein höchst unbedeutendes.  

am Lac du ChambonObwohl die Strecke nach Grenoble mit ihren tief eingeschnittenen Flusstälern viele landschaftliche Reize bietet, beuge ich mich in erster Linie über den Lenker, um dem Gegenwind zu trotzen. Der Bahnhof von Grenoble zieht mich an. Nun, da ich auf diesen drei Giganten gestanden habe, ist mein Daseinszweck für diesmal erfüllt, einer Heimkehr steht nichts im Wege.  

Als ich mich gegen 15 Uhr an die Stadtgrenze stoße, stauen sich pechschwarze Wolken über dem Zentrum. Es reicht mir nicht mehr, trocken zum Bahnhof zu kommen. Ein Platzregen setzt ein, wie man ihn nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. In rasender Fahrt jage ich durch die Sturzbäche, die sich quer über die Straßen ergießen, während die reißende Flut von oben ansonsten das Leben in den Straßen weitgehend zum Erlahmen bringt. Das war ein etwas missratener Abschiedsgruß des Himmels, der es ansonsten ausgesprochen gut mit mir meinte in den vergangenden Tagen.

Auch die französischen Eisenbahnen meinen es gut mit mir: eine Dreiviertelstunde nach meiner Ankunft geht der lezte Zug nach Mulhouse - genug Zeit, um in trockene Klamotten zu schlüpfen. Vom geschützten Bahnhofsvordach schaue ich in den Regen: die Welt, in der wir leben, ist gezähmt. Machmal, wenn nicht gerade so ein Wolkenbruch alles auf den Kopf stellt, erstickt man fast vor lauter Annehmlichkeiten.  Es gibt Zeiten, da muss man selbst dafür sorgen, dass man genug Luft zum Atmen findet, muss heraus aus den stickigen Tälern nach oben. Ein bisschen weh muss es schon tun, wenn es wirken soll. 

Strecke:

136 km

Zeit:

5:40 h

Schnitt:

23,6 km/h

Höhendifferenz:

1465 Hm


Gesamtstrecke


738 km

Gesamthöhendifferenz:

10935 Hm

 

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