Wege mit dem Rad

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Freiburg-Champlitte

Mittwoch, 15. August 2012     Freiburg - Champlitte

| Strecke |
Nantes liegt im Süden der Bretagne an der Loire-Mündung und gilt unter Franzosen als coole Stadt. Für 2013 wurde sie zur europäischen Umwelthauptstadt ernannt. Zu den Atlantikstränden fehlen ihr zwar noch ein paar Dutzend Kilometer, die Richtung stimmt aber schon mal. Dennoch: alle guten Gründe, Hunderte von Flachlandkilometern auf mich zu nehmen, hätten mich wohl kaum zu dieser Tour bewegen können, wäre da nicht die Aussicht auf ein Wiedersehen mit einem alten Freund aus dem Westen Frankreichs und die nicht minder attraktive Aussicht auf ein paar gepflegte Urlaubstage am Atlantik nach jener Art, wie wir sie uns in den Jahrzehnten unserer Freundschaft bewahrt haben: baden, schlemmen, Rotwein trinken. Nächte am Strand, das Glitzern der Milchstraße über uns. Alle paar Jahre sei sie einem gestattet, die Illusion der Jugendlichkeit...

Zu jener fernen Zeit, als wir uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind, irgendwo auf einer Landstraße in der Camargue, wäre ich nicht im Traum auf den Gedanken geommen, mit dem Rad quer durch Frankreich zu fahren. Es war die Zeit, als man Europa per Anhalter bereiste. Nichts schien mir verschrobener als eine Reise mit dem Rad.

Aber man bleibt ja in seiner Entwicklung nicht stehen. Nur: wenn man sich nicht vorsieht, wird man genau so wie man niemals werden wollte: ein verschrobener Radfahrer, der sein Gefährt an einem schönen Sommermorgen aus dem Keller hievt, um der Illusion der Jugendlichkeit hinterherzufahren: 800 Kilometer, und dies auf der Ebene. Das würde hart werden: Maisfelder, Getreidefelder, Sonnenblumenfelder, Viehweiden, Wälder – ödes Flachland, was sonst? 

Waschhaus bei Vesoul

Aber man sollte sich ja nie zu sehr auf seine Vorurteile verlassen. Wir wissen heutzutage, dass nicht alle Radfahrer verhaltensauffällig sind. Und genauso kennt ja auch das Flachland nicht nur öde Seiten. Wenn es zum Beispiel windet, windet es überall. Und kommt der Wind dann doch mal von hinten, hat man auch etwas davon. Im Sundgau wird mir geradezu unheimlich zumute: Weshalb bläst der Wind heute von Ost, was er hier sonst doch nie macht?  Halten mich die Götter bereits für derart gebrechlich, dass sie glauben, mir zu Hilfe eilen zu müssen? Wenn das so weiter geht: wie soll ich mir da am Ende auf die Schulter klopfen können? Das ist nichts anderes, als hätten sie mir einen Motor ans Rad geschraubt.

Der perfekt blaue Himmel und ansteigende Temperaturen, die sich im Laufe des Vormittags irgendwo zwischen dreißig und fünfunddreißig Grad einpendeln, tun ihr Übriges, dass sich mir auch Regionen abseits der Mittelgebirge eindringlich ins Gedächtnis brennen.

Eine schöne Sache sind die Maisfelder: die Blätter der Kolben sind bereits angewelkt. In Kürze würden die großen Erntemaschinen die mannshohen Stängel niedermähen. Tabula rasa. Bis dahin halten sie die überdimensionierten Sprenkleranlagen feucht. Ab und zu habe ich Glück, und es fällt eine kleine Dusche für mich ab. So bringe ich Lure und Vesoul liegen hinter mich, bruzelnd in der Mittagssonne.

Waschhaus II

Die Vogesenausläufer werden kleiner und kleiner.  Es gibt in dieser Gegend entzückende historische Waschhäuser, die Schatten und Wasser spenden. Man setzt sich auf ihr kühlendes Mauerwerk, gießt literweise Wasser über sich und ist irgendwie ganz zufrieden mit sich und dem Wenigen, was an solchen Sommertagen zählt. Man kommt sich dabei nicht übermäßig verschroben vor, auch wenn man froh ist, dass es keine Zuschauer gibt.

neugierige ZaungästeDass ab Kilometer 150, bei zunehmend bewölktem Himmel, abrupt heftigster Gegenwind einsetzt, sorgt in der zweiten Tageshälfte noch für unerwartete Spannung. Würde mir die für morgen angesagte Regenfront am Ende noch vor der Zeit ins Tageswerk pfuschen? Mais, Getreide, Sonnenblumen und die Büsche vor mir verlieren mit einem Mal an Haltung, als wollten sie sich vor mir verbeugen, am liebsten bis zum Boden. Das Vieh rottet sich zusammen.

Kulturlandschaften

Fünfzig, sechzig, siebzig Kilometer stemme ich mich gegen die Gewalt des Sturmes. Zwischendurch herrscht dann wieder plötzliche Windstille, ehe das Brausen von neuem anhebt.

Die Sorge, die Götter würden mich bis zum Atlantik rüberschieben, erweist sich als grundlos. Mit den ersten Regentropfen lässt der Sturm wieder etwas nach. Es stellt sich die Frage: Sollte ich meinen Weg weiterverfolgen oder meine Haut retten und den nächstbesten Campingplatz ansteuern?

Der nächstbeste Campingplatz liegt etwas außerhalb von Champlitte, gute zehn Kilometer in Richtung Norden, zehn Kilometer Seitenwind also.Landstraße Im strömenden Regen fahre ich klitschnass vor der Rezeption vor: Sie kommen ja gerade noch rechtzeitig, trösten mich die Besitzer, zwei Brüder. Als ich anschließend auch noch mein Zelt im Prasseln des Regen aufstelle, fällt es mir schwer, ihren Optimismus zu teilen.

Den kurzen Moment, wo die Niederschläge nachlassen, nutze ich, um zwecks Abendessen zurück in den Ort zu fahren. Als ich in einer Pizzeria mein Ansinnen vortrage, auf der überdachten Terrasse zu speisen, schaut mich die Chefin an, als stünde sie noch auf dem Standpunkt meiner Adoleszenz, dass alle Radfahrer ordentlich einen an der Klatsche haben.Abendessen bei Kerzenschein Bei diesem Wetter würde sie einen Teufel tun... Ich füge mich ihrem Diktat und setze mich ins gehobene Interieur, was nicht die schlechteste Entscheidung war: das Unwetter legt nun richtig los. Es reicht immerhin noch für eine frische Pizza aus dem Ofen, bevor der Strom ausfällt. Das Paar, das nach mir gekommen ist, sitzt wie ich notgedrungen im Kerzenschein, allerdings vor leeren Tellern. Die Wirtin klagt, entschuldigt und empört sich. Sie greift zum Hörer, um sich in ihrer Verzweiflung beim Bürgermeister zu beschweren. Als mir alles zu viel wird, begleiche ich bei ihr nach mehrmaliger Aufforderung die Rechung und steige im strömenden Regen wieder auf mein Rad. Es war mir leider nicht vergönnt, sie davon zu überzeugen, dass Radfahrer als solche allenfalls durchschnittlich bekloppt sind. 


Strecke:

240 km

Zeit:

9:53 h

Schnitt:

24,3 km/h

Höhendifferenz:

1350 m

 

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