Wege mit dem Rad

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Freiburg-Belley

Mittwoch, 21. März 2012     Freiburg - Belley

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Es kommt die Zeit, da nimmt die Sonne den Faden dort wieder auf, wo sie ihn im letzten Jahr mit Beginn der grauen Wintertage hat abreißen lassen. Die Vögel tirilieren vom frühen Morgen weg, wo bis vor Kurzem noch Totenstille war, und auch die Gedanken zwitschern in den lauen Lüften des anbrechenden Frühjahrs und tänzeln freudig gen Süden. Der graue Alltag erhält einen Schimmer, den der böse Materialist als titanfarben bezeichnen würde - was durchaus daran liegen könnte, dass sich zu seinen Rädern im Keller ein neues, titanschimmerndes Exemplar dazugesellt hat, dem verständlicherweise dringend nach Auslauf verlangt. Seinem Besitzer verlangt nach den kühlen Wintertagen allerdings nicht weniger danach. Und so verabredet er sich einmal mehr mit der anderen Hälfte des Stammpersonals des fast schon legendären Mt.Ventoux-Frühjahrs-Expeditionscorps für einen neuerlichen Vorstoß in die provençalischen Gefilde.

Es kommt der Tag, da steht man morgens um 4.20 Uhr wieder mit dem Nötigsten an Gepäck in Freiburg und stellt fest, dass bei der leidigen Diskussion um die Helmpflicht ein Aspekt offensichtlich nicht ausreichend gewürdigt wurde: dass man seinen Helm auch vergessen kann. Zwar sieht der nachtschwarze Himmel mit den hübschem Sternendekor nicht aus, als sollte er mir auf den Kopf fallen, und auch die irdischen Gefahren wollen wir nicht heraufbeschwören. Aber man weiß ja nie und einen etwaigen Triumph in dieser Hinsicht wollte man den Helmpflichtfundamentalisten nun wirklich nicht gönnen. Also entscheide ich mich nach Aufdeckung des Missstands, nach Hause zurückzufahren, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Urban Hilpert, der zweite Expeditionsteilnehmer, will seinerseits in der Morgenkälte nicht erfrieren und schließt sich mir an. Eine Dreiviertelstunde und knapp zwanzig Kilometer später stehen wir wieder dort, wo wir uns zuvor getroffen haben, und nach dem gewissermaßen neutralisierten Start kann es nun endlich losgehen. Mulhouse, erster Stopp

Mulhouse erreichen wir kurz nach Sonnenaufgang. Die Stadt strebt in einen neuen arbeitsreichen Tag hinein, während wir eine erste Kaffeepause in Bahnhofsnähe einlegen. Typen, die schon am frühen Morgen daherkommen wie wir, erregen Aufmerksamkeit in einem Café, wo sonst nur Leute auf dem Weg zur Maloche vorbeischauen. Und langweilig wird es nie, auf die Frage nach dem Wohin zu antworten: dieser kurze Moment, wo es im Gehirn des Gegenüber rattert, wenn er zu hören bekommt, dass wir heute über 300 Kilometer vor uns hätten, sind nicht weniger Genuss als frischer Milchkaffee und Croissants vom Bäcker nebenan.

Die 300 Kilometer jedoch wollen abgespult werden. Bis Mulhouse war es kein Problem, trotz der bescheidenen Temperaturen, auch der anschließende Rhein-Rhône-Kanal macht dem Radtouristen das Leben einfach, zumal der Wind von hinten bläst. Die flache Aufwärmphase geht bis Montbéliard und weiter bis Le Pont-du-Roide - noch hat der Höhenmesser Schonfrist. Die vielbefahrene Hauptstraße nach St. Hippolyte umgehen wir größtenteils auf einem winzigen Nebensträßchen. Laut Streckenplan sind hier 155 Kilometer bewältigt. Wir steuern die zweite Bäckerei des Tages an.

die Hügel des Jura

Es  folgt ein wirklich malerischer Tagesabschnitt: die D 39 längs des Vallée du Dessoubre - auch hier fallen die Höhenmeter nicht ins Gewicht. Erst zum Talschluss hin beginnt ein merklicher Anstieg, der uns höher und höher ins Jura bringt. Die Bergspitzen entlang unserer Route ragen über 1000 Meter hinaus und fassen Sträßchen und Ortschaften ein, die sich für den erdverbundenen Radwanderer wie kleine Juwelen ausnehmen. Der Schimmer des Frühjahrs gerinnt zu einem eindrucksvollen Gemisch aus Mittagsonne, fernen Bergketten, rauem Asphalt, und Schneeresten entlang der Waldränder. Dem schnöden Materialist sticht vielleicht noch der Glanz der Titanrohre ins Auge, wo sich der spirituell ausgelegte Mensch anschickt, sphärischen Klängen zu lauschen.

Pontarlier

Pontarlier bei Kilometer 230 ist ein Meilenstein auf unserem Weg: das erste Drittel liegt hinter uns. Wir erreichen es am frühen Nachmittag. Ab hier warten noch 150 Jurakilometer auf uns - die schönsten aber auch die schwersten, entlang des Jurahauptkamms. Wir hoffen, sie noch vor Tagesanbruch und ohne Erfrierungen hinter uns zu bekommen.

In Mouthe besorgen wir uns noch alles, was eine Nacht auf dem Rad verlangt. Die Spannung steigt. Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Die Schneefelder entlang der Straße nehmen unwirkliche Farben an, schwankend zwischen dem Rot der Abenddämmerung und dem Blau des weiten Himmels.

Lac de Joux

Selbst der Materialist steht kurz davor, Sphärenmusik zu vernehmen. Wir wählen die Südseite des Lac de Joux. Entlang der Schneewände ist es ein Dahingleiten wie in einem fernen Traum. Allmählich legt sich die Nacht über diese berauschende Bergregion im schweiz- französischen Grenzland.

Am Zollhaus unweit von Les Rousses legen wir an den verlassenen Tischen des benachbarten Cafés eine Rast ein. Die Temperaturen sind unerwartet mild, wir hatten Schlimmeres erwartet. Rast an der GrenzeEin weiterer Anstieg steht uns bevor, noch einmal überschreiten wir die 1250 Höhenmeter-Grenze, ehe es durch die Dunkelheit hinduch stufenweise wieder nach unten geht bis hinab ins Rhônetal. Mühelos lassen wir das Jura hinter uns.

Schneewände im Jura

In der Stille der Nacht huschen wir auf leeren Straßen weitere 50 Kilometer bis Belley, wo wir kurz nach ein Uhr unser Nachtlager aufzuschlagen gedenken.

Ein Gewerbegebiet am Rande bietet Möglichkeiten dazu, aber keine wirklich überzeugenden. Am Ende enscheiden wir uns für eine Supermarktkette, die sich durch Billigprodukte einen Namen gemacht hat. Zwischen den Reihen der Einkaufswagen, die durch eine Überdachung geschützt sind, findet sich ein Plätzchen, auch wenn zunächst von Hand für Ordnung gesorgt und Wagen hin- und hergekarrt werden müssen, was nicht ganz ohne Lärm abgeht. Aber es scheint sich kein Wachdienst um das Gelände zu kümmern. Es handelt sich ja auch um einen Billigdiscounter. Selbst ohne Helm könnte der Himmel nun herabstürzen. Davor schützt uns das Dach. Die Kälte hält ein warmer Daunenschlafsack ab. Meine Gedanken gehen auf einen tiefen, unruhigen Tauchgang. 

 

Strecke:

430 km

Zeit:

17:02 h

Schnitt:

25,2 km/h

Höhendifferenz:

2550 Hm

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