Wege mit dem Rad

Sie sind hier: Touren > Pyrenäen 2005 > Seix-St.Béat

Seix-St.Béat

Dienstag, 13. September 2005    Seix - St. Beat

Nebel auf dem Col de la CoreEin grauer, trüber Tag empfängt uns, das Zelt trieft vom nächtlichen Regen. Wir haben uns für diese Tour für das Salewa Micra entschieden, ein 1,5-Personen-Zelt mit etwas mehr als 2 kg Gewicht, aber wenn man sich mag, kommt man selbst in einer Regennacht gut damit zurecht. Abzuwarten bleibt, welches Wetter auf dem Col de la Core, 835 m weiter oben, herrscht. Der Aufstieg ist geprägt von flottierenden Nebelschwaden, die jeden Ausblick in die Landschaft verwehren. Sei's drum, irgendwie gehört auch so ein Wetter dazu. Oben ist es einsam, keine Menschenspaliere, um die Radfahrer anzufeuern. Auf der Passhöhe promenieren allein wiederkäuende Rindviecher, die den Durchreisenden nur unwillig Platz machen. Nach der Abfahrt aus 1395 Metern Höhe bleibt uns bei Castillon nur die Flucht ins Café, um uns dem Regen und der Kälte zu entziehen – Radfahrerschicksal, das sich beim Milchkaffee mit Fassung tragen lässt, zumal wir dabei unsere zwei englischen Radler von gestern wiedertreffen, so dass die halbstündige Pause recht kurzweilig wird.

Nach dem Mittagessen in einem Buswartehäuschen folgen wir der kurvigen Straße hoch zum Portet d'Aspet. Von Osten her ist dieser Pass recht einfach zu fahren, traurige Berühmtheit hat er durch seine steile Westflanke erlangt: hier stürzte Fabio Casartelli bei der Abfahrt während der Tour 1995 in den Tod. Der Kampf um Sekunden, der Rausch der Geschwindigkeit forderte seinen Tribut. Unwillkürlich zieht man am Denkmal an den Bremsen, verharrt an diesem geflügelten Rad aus weißem Marmor. Ein Denkmal für den blutjungen Italiener, aber auch Mahnmal für jeden von uns.

Wenig später biegen wir links ab in Richtung Col de Menté, der dritte Pass des Tages, der uns etwas mehr abverlangt als der Portet d'Aspet. Zu unserer Freude kommt nun aber auch die Sonne durch und trocknet den stellenweise feuchten Asphalt. Einsamkeit herrscht hier oben um sechs Uhr abends. Der Cafébesitzer verrammelt die Fensterläden und macht sich mit seinem Auto davon, überlässt die Stätte den kläffenden Huskies, die sich im Zwinger auf der anderen Seite der Kreuzung über die späten Besucher ereifern.

Die Abfahrt gibt freie Sicht aufs eigentliche Hochgebirge, dem die Pyrenäen ihren Mythos verdanken. Sie gelten als gefährlich, steil, menschenfeindlich. Als Henri Desgrange es wagte, sie im Jahre 1910 zum ersten Mal ins Tourprogramm aufzunehmen, hatte er aus Furcht vor dem Unmut der Fahrer nicht die Courage, sich während des Rennens selbst an Ort und Stelle zu zeigen. My home is my castle...Wer allerdings heute im Grenzgebirge zwischen Spanien und Frankreich mit der Rad unterwegs ist, fährt nicht mehr mit einem einzigen Gang auf Schotterpisten an ungesicherten Abhängen entlang, sondern, wie wir, mit mindestens 18 Gängen auf gut asphaltierten Straßen – und mit verlässlich funktionierenden Bremsen. Diese kommen tatsächlich zum Einsatz, zumal im letzten Teil der Abfahrt die Straße ausgebessert wurde - unter großem Einsatz der von Radfahrern so gefürchteten Kieselsteinen. 

St. Beat heißt unser nächstes Etappenziel. Der Campingplatz ist fast menschenleer, dennoch haben wir große Mühe, zwischen den Wohnwagen der Dauercamper ein Plätzchen für unser Zelt zu finden. Immerhin: auch hier gibt es einen Gemeinschaftsraum mit soliden Holztischen und -bänken. Wir nutzen die Gelegenheit, hier über Nacht unsere Wäsche zu trocknen.


Kilometer

79

Fahrzeit

5:26 h

Schnitt

14,5 km/h

Höhenmeter

2200

 

1  |  2  |  3  |  4  |  5  |  6  |  7  |  8 

 

nach oben                                  © Walter Jungwirth - www.viavelo.de