Wege mit dem Rad

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Bodensee-Brevet

ARA Breisgau: 400 Kilometer

Freiburg, 8. Mai 2010, 8.00 Uhr

rein ins Dreisamtal..| Strecke |
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wir Freiburger sind Schönwetterfahrer. Dass sich just am Tag unseres 400-Kilometer-Brevets zwischen die ganzen Tiefdruckwellen der letzten Tage noch ein Zwischenhoch eingeschlichen hat, war nicht absehbar. Gerüchten zufolge soll in Meteorologenkreisen bereits von einem ARA-Breisgau-Hoch die Rede sein. Wir halten dies für übertrieben. Sorgen kann man sich allerdings machen um die vielen Teilnehmer, die von weit her angereist sind, um die Härte unserer topografischen und klimatischen Bedingungen zu testen. Mögen sie auf ihre Kosten kommen!

Zeugt der erste Anstieg hoch zum Thurner mit seinen vielleicht 700 Höhenmetern noch von einer gewissen Güte, auch angesichts der frostigen Temperaturen, so ist doch zur Enttäuschung einiger der Neuschnee der vorvergangenen Nacht weitgehend geschmolzen. Querfeldeinpassage vor BräunlingenKeine Eisglätte, nirgends. Auch die Anforderungen im Anschluss ließen sich für die Hardcore-Fraktion sicherlich in die Höhe schrauben. Allenfalls eine kilomterlange Offroad-Passage durch Baustellenschlamm vor Wolterdingen kann die Gemüter noch etwas erregen, während die Totalsperrung in Bräunlingens Ortsmitte den meisten nur noch ein müdes Lächeln abringen kann. Machen sich auf dem Weg zum Rheinfall Schaffhausen tatsächlich Mitfahrer mit abfälligen Bemerkungen wie "neutrale" Anstiege über das Profil der Strecke lustig? Organisatoren hören sowas nicht gerne.

Eine Person verdient in diesem Zusammenhang spezielle Aufmerksamkeit. Es geht um den Kapitän unserer fünfköpfigen Flèche-Mannschaft, Käptns Wilde Reiter. Der Zweck dieser Mannschaft ist, dafür zu sorgen, dass der Käptn wenige Tage nach diesem Brevet, anlässlich des Flèche Allemagne, innerhalb von 24 Stunden die 500 Kilometer von Freiburg nach Eisenach an die Wartburg gebracht wird. Mindestens zwei Mitglieder an seiner Seite müssen ebenfalls lebend ankommen. Das erfordert eiserne Disziplin, nicht nur von seiner Crew (zwei weitere Freiburger sind darin verstrickt, ebenso wie eine in der Szene bereits auffällig gewordene junge Dame, Emily), sondern auch eine harte Hand des Käptns, dessen alleinige Namensnennung in Randonneurskreisen aufhorchen lässt. Zwar weit entfernt von jenen Kapitänen, die Öltanker unter libanesischer Flagge ins Verderben steuern, ist er doch risikobereit, sagen wir besser: fordernd bis aufs Äußerste.

Für heute ist also 400-Kilometer-Mannschaftstraining angesagt, so will es der Käptn. Er selbst kommt gleich mal schwer krank an den Start, zwecks Test der eigenen Härte. Oben auf dem Turner, auf knapp 1200 Metern, hustet er in die Morgenkälte, seine Grippe steht ihm ins bleiche Gesicht geschrieben. Ob er sich nicht wenigstens ein Stirnband aufsetzen wolle für die Abfahrt, wird er von einfühlenden Zeitgenossen gefragt. "Stirnband - wozu das? Käptns Wilde ReiterDann könnt ich mir ja gleich ein Fieberzäpfchen schieben". Er vertraut mir an, dass erst mal das ganze grüne Zeug raus müsste - er redet von Ansammlungen in seinen mächtigen Lungenflügeln - dann könne er endlich wieder befreit atmen. Er liebt es deftig, so wie bei Paris-Brest-Paris 2007, wo das grüne Zeug nach dem 600-Kilometer-Hinweg über 24 Stunden Regen und Gegenwind endlich zum Vorschein kam. Der Rückweg war ihm dann ein Leichtes, sagt er. Die Härte der Umstände bleibt ihm diesmal offensichtlich verwehrt. Zwar schaut er auf dem Flachstück zwischen Rheinfall und Konstanz aus wie ein Zombie, bleich wie ein Leichentuch, kaltschweißig, aber eben: wir sind auf einem lächerlichen Flachstück. Mit einer Rekonvaleszenz nicht zu rechnen. In Konstanz an der Kontrollstelle schickt er noch einen standesgemäßen Spruch in die versammelte Runde "250 Kilometer noch? Da kann man ja nur lachen." Die Strecke ist ihm eindeutig zu locker - seinen Lungeninhalt hat er behalten und kurz nach Konstanz abreißen lassen müssen.

Kloster Beuron im DonautalSo fahren wir ohne ihn weiter. Bitter für uns, aber so ist das Leben eben. Wir vier tun unser Bestes, den Auftrag des Käptns zu erfüllen, halten zusammen, so gut es geht, wechseln uns ab im Wind, halten die Ehre der Truppe hoch. Unser Stopp an der Kontrolle in Beuron im Donautal, inmitten der beeindruckenden Kalkfelsen, fällt dennoch länger aus, als es der Käptn zugelassen hätte. der Nacht entgegen...Dafür ziehen wir mit straffem Tempo durchs Bärental. Er hätte seine Freude an uns gehabt. Die Pause in Balingen fällt wieder zügig aus, Cola in die Flasche, eine Kleinigkeit zwischen die Zähne, Essensnachschub für die Lenkertasche und weiter in die Nacht. Die Strecke bis Freudenstadt zieht sich in ansteigenden Wellen hin. Freude in Freudenstadt: die letzte KontrolleGegen 23.30 Uhr rollen wir in die letzte Kontrollstelle bei Kilometer 313 ein: eine hell erleuchtete Tankstelle. Ich gönne mir einen heißen Tee, die 35 Kilometer Abfahrt nach Wolfach werden bitterkalt werden; das ist tröstlich für alle, die bis dahin unter der Sanftmut der Strecke gestöhnt haben. Zusätzlich stopfe ich mir überflüssige Knielinge unter meine beiden Trikots und übrige Papiertüten auf Kniehöhe unter die Beinlinge. Fünf oder sechs Grad zeigt mein Tacho. Zusammen mit einem Dutzend anderer schießen wir in die Nacht.

Irgendwann beginnt's neben mir zu quengeln: wann ginge es denn endlich bergauf. Immer nur bergab, das hält kein Schwein aus. Schluss mit lustig...Ein letzter 18-Prozenter (immerhin dem Schild nach) steht noch auf dem Programm, und der Nörgler wird alsbald ruhig gestellt. Auch ich winde mich keuchend nach oben, und als ich nach 4 schweren Kilometern wieder zu Atem komme, ist der lang ersehnte Wetterumschwung eingetreten: Regen, echter Regen, der auf mich niederprasselt, während sich das Team auf der windgepeitschten Anhöhe des Landwasserecks wieder sammelt. Wir Freiburger sind also doch keine Schönwetterfahrer. Emiliy, heißt es, fahre die Serpentinen im Zickzack hoch - nicht aus Übermut -, dann stürzt auch sie sich erschreckend furchtlos in die letzte Abfahrt. Der strömende Regen knallt in die Augen, dass es eine Freude ist. Das wirkliche Leben ist zurückgekehrt. Wir jagen die restlichen 40 Kilometer nach Freiburg, die Gaststätte Augustiner, unser Ziel,  serviert trotz der späten Stunde noch heiße Spaghetti. Wunderbar. Um ehrlich zu sein, friere ich in den nassen Klamotten wie ein Schneider. Nicht dem Käptn weitersagen. 

Apropos Käptn: die erste Mail des neuen Tages hatte folgenden Betreff: "Käptn lebt".

Strecke

407 km

Höhendifferenz

3900 Hm

Fahrzeit

16:12 h

Schnitt

25,1 km/h

Gesamtzeit

19:45 h

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