Wege mit dem Rad

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Kempten-Prad

Amuse-gueule
Freitag, 11. Juni 2004    Kempten - Prad am Stilfser Joch

Der Morgen kommt zu früh. Ein Sonnenbrand auf der rechten Schulter sorgte für eine unruhige Nacht, und ich ärgere mich sehr, dass ich meine Gesundheit einer Sonnenmilch aus dem Supermarkt anvertraut habe.

Der bange Blick aus dem Fenster lässt erahnen, dass das vorherrschende Hoch der letzten Tage im Abklingen begriffen ist – der Himmel ist gewürzt mit Gewölk von schwarz bis hellgrau. Vereinzelt Blau. Die Luft ist warm, fast schwül.

Reichlich Frühstück bis kurz vor acht, Zähneputzen und Packen – während draußen bereits die ersten Kunden vor dem Radgeschäft meines Onkels stehen. Zwei Bananen stecken revolvergleich in den Trikottaschen. Ein herzlicher Abschied und los geht’s. Zunächst zur Apotheke, um mir einen anständigen Sonnenschutz zu erstehen, darauf hinunter ins Tal nach Martinszell und weiter über verschlungene Wege, gemäß den Empfehlungen meines Mentors. Mit dem Auf und Ab durch die angestammten Gebiete der bayrischen Urbevölkerung, die hier weitgehend unbedrängt von ihren natürlichen Feinden, den Preußen, ihr beschauliches Dasein fristet, wächst die Gewissheit, dass die Alpenriesen in Reichweite sind.

Nach Wertach folge ich dem Verlauf der B 310 bis Unterjoch, dort passiere ich die Kirche und gelange über asphaltierte Fahrwege nach Schattwald, unter Umgehung des Oberjoch-Passes. Dass Schattwald in Österreich liegt, erkennt man daran, dass die Kraftfahrzeuge vor der anscheinend einzigen Tankstelle eine lange Schlange bilden und die Fahrbahn teilweise blockieren. Beseelt vom Gefühl der moralischen Überlegenheit trage ich die Nase sofort etwas höher, was mir beim vorherrschenden Westwind im Tannheimer Tal weiters keine Probleme bereitet. Es geht Richtung Osten, vorbei am Haldensee. In Nesselwängle kurzer Einkaufsstopp, dann kommt der erste Pass des Tages: der Gaichtpass. Das Angenehme daran ist, dass es von dieser Seite lediglich bergab geht, von 1093 m auf 897 m in Weißenbach im Lechtal. Das eisgraue Wasser des Flusses verrät, dass im Hochgebirge die Schneeschmelze längst noch nicht abgeklungen ist. Die Strecke nach Elmen ist leicht ansteigend, aber wieder kommt der Wind von hinten - wie schon den ganzen Vormittag, egal in welche Richtung ich fahre.

Am Fuß des Hahntennjochs (man sagt Hannt’njoch) zwingt mir der Hunger eine Rast auf. Zwei Brötchen mit Käse und wieder aufgesessen: der erste wirkliche Pass macht mich ungeduldig. Im Anstieg merke ich, dass ich wohl ausgeblendet habe, wie anstrengend dieses Tun ist: das allmähliche Hochschrauben über die anfänglichen Serpentinen, bis der Anstieg flacher wird, um etwas später noch einmal ein paar kräftige Prozente nachzulegen. In meiner Erinnerung hat das Pässefahren stets mehr vom Fliegen als von einem Kraftakt. Trotz Schweiß und Muskelbrennen: das Hahntennjoch ist ein schöner Pass, ein würdiger Einstieg für mein Vorhaben. Die Passhöhe liegt in etwa bei der Baumgrenze, das Hochalpinfieber greift noch nicht ganz.

Es ist warm genug, um für die Abfahrt nur eine Weste überzustreifen. Weite Kurven erlauben ein hohes Tempo, ohne zu forcieren erreiche Hahntennjoch - die Abfahrtich eine Höchstgeschwindigkeit von 78 km/h.

Ich durchquere Imst gegen 15.30 h, halte auf Landeck zu. Der Verkehr auf den gut zwanzig Kilometern dorthin ist erträglich – parallel zur Bundesstraße verläuft die Autobahn. In Landeck folge ich den Schildern „Reschenpass“. Ich bin neugierig. Aus Erzählungen kenne ich ihn als notwendiges Übel auf dem Weg nach Südtirol. Die Kurbelei entlang des Inns geht relativ locker vonstatten, auch verkehrsmäßig habe ich mir die Strecke schlimmer vorgestellt. Ab Ried weiche ich auf die kleine Nebenstraße aus, mache für einige Kilometer gemeinsame Sache mit zwei Radwanderern aus Landsberg, ehe ich wieder alleine weiterziehe. Der Himmel ist nun gänzlich verhangen, schwarze Wolken künden Regen an, der in Pfunds tatsächlich sintflutartig auf mich niederprasselt. Meine Rettung ist ein Vordach, unter dem ich mehr schlecht als recht Schutz finde. Die wenigen Sekunden, die ich dem Niederschlag ausgesetzt war, reichen, um bis auf die Knochen nass zu sein. Aber der Regen ist warm und nur von kurzer Dauer.

der ReschenpassDer ausgewiesene Radweg ab Pfunds entlässt mich auf Höhe der Kajetansbrücke auf die Hauptstraße. Möglich, dass er bis zur Passhöhe ausgebaut ist, denn weiter oben sehe ich wieder Schilder. In Nauders hängt ein Plakat zum Race across the Alps. Ganz bescheiden trete ich weiter bergan.

Auf dem Weg zur Passhöhe stehen vereinzelte Hütten in den Feldern, manche mit Heu. Wäre es nicht noch zu früh, vielleicht hätte ich übernachtet.. Ehe man sich’s versieht, ist man oben. Der Berg ergibt sich kampflos - fast bin ich enttäuscht. Mit der Passhöhe auf 1507 m betritt man italienischen Boden.

Der Verkehr ist bereits am Abklingen, als ich den Reschensee und den Haidersee passiere, über dem westlichen Ufer wölbt sich ein roter Abendhimmel. Das Zentrum von Mals im Vinschgau wirkt schon sehr italienisch. Die Luft ist würzig, fühlt sich wärmer an als auf der Nordseite des Passes. Von Mals sind es nur wenige Kilometer bis Prad am Stilfser Joch, meinem Tagesziel. Reschensee

Prato Stelvio, wie der Ort auf Italienisch heißt, kündigt sich mit Gewerbebetrieben an, der Kern ist um die Hauptstraße herumgebaut, weder hübsch noch hässlich. Obwohl es bereits nach sieben Uhr ist, bin ich zu aufgedreht, um gleich nach einer Unterkunft zu suchen. Ich fahre ein, zwei Kilometer Richtung Stilfser Joch, hätte große Lust, den Berg heute noch in Angriff zu nehmen – richtig kaputt fühle ich mich noch nicht. Später checke ich in einer sympathischen, altmodischen Pension ein mit einem knarzenden Bett, das die Qualität einer gefederten Hängematte besitzt. Aber ich fühle mich wohl dort, sehe vom offenen Fenster auf die Berge und den prasselnden Regen, während ich eine Pizza aus einem nahegelegenen Schnellimbiss esse. Barfuss habe ich den Weg dorthin zurückgelegt – jeder einzelne Schritt auf dem nassen Asphalt war ein Genuss.


Strecke

220 km

Fahrzeit

9:16 h

Schnitt

23,6 km/h

Höhenmeter

2895

 

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