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Walter Jungwirth
Walter Jungwirth - Tausend Kilometer Süden
Covadonga-Verlag, Taschenbuchausgabe, ca. 160 Seiten, EUR 9,80
Neues
Radfahren in Neapel
Paris-Brest-Paris 18.- 20. August 2019
Rambouillet, Kilometer 0, Sonntag, 16:04 Uhr. Rambouillet ist eine Kleinstadt südwestlich von Paris und strahlt mit seinen gepflasterten Gassen, Kneipen und Restaurants eine gewisse Nestwärme aus. An den Hausfassaden lehnen Hunderte von Räder, an denen Lichter befestigt sind und Taschen, mal vorne, mal hinten oder beides. Es sind die Räder der Randonneure, die hier in Kürze aufbrechen werden, weil sie prüfen wollen, ob es stimmt, dass man mit dem Rad in weniger als vier Tagen von Rambouillet nach Brest und zurück fahren kann. Vielleicht sind sie die Strecke schon einmal gefahren oder auch mehrfach, aber noch immer können sie nicht ganz fassen, dass es wirklich machbar ist.
In kleinen Schritten denken
Ganz, ganz langsam beschleichen den der Sache ergebenen Randonneur beim 400-Kilometer-Brevet beschwingte Ahnungen, dass da wieder was auf ihn zukommt: 2019 ist ein Paris-Brest-Paris-Jahr. Alle vier Jahre wird in der Szene das große Sommerfest gefeiert: man lässt‘s erneut ordentlich krachen zwischen Paris und Brest und baut im Übrigen darauf, dass angesichts der Unfassbarkeit der Herausforderung durch die öde Existenz mal wieder ein ordentlicher Ruck geht.
Freiburg – Rang
Ich habe einen guten Bekannten, der das Leben in all seinen Facetten liebt, besonders, wenn er mit seinem Rad im Süden unterwegs ist. Was er nicht so liebt, sind die Menschen, jedenfalls ab einer gewissen Anzahl, weil Menschen in größeren Zusammenhängen ganz allgemein – und nach seiner Meinung besonders hierzulande – mit ihrer grassierenden Regulierungswut die Komplexität des Daseins ins Unermessliche steigern – eine Erscheinung, die bei ihm Schwellungen am Hals hervorruft. Seit Jahren baut er darauf, dass endlich aus den Tiefen des Alls ein Komet auftaucht, der dem irdischen Treiben im Großen und Ganzen eine Ende setzt. Insgeheim geht er wahrscheinlich davon aus, dass er den Kometeneinschlag überlebt. Um bis dahin jedoch nichts zu verpassen, hat er seine berufliche Laufbahn für beendet erklärt und radelt durch die eine oder andere Ecke dieser Welt. Zwischendurch lässt er sich für ein paar Kaltgetränke in Deutschland sehen.
Ehrenrettung in Weiß
Angesichts der geradezu unüberschaubaren Flut an Radsportevents, die neuerdings aus dem Boden sprießen, mag man als Novize, geblendet von vierstelligen Kilometerzahlen oder anderen Superlativen, zur Meinung tendieren, dass es sich für dreihundert Kilometer kaum lohnt, die Kette zu ölen, und die alten Hasen, die es besser wissen müssten, fangen ohnehin erst bei 400 Kilometern an, sich die Beine zu rasieren – wenn überhaupt.